Interview: Premieren and Prejudices – Die Höhen und Tiefen der Musicalwelt

Der Musicalriese Stage Entertainment erlebt seit einiger Zeit ein Wechselbad der Gefühle: Man freut sich auf segensreiche Premieren und kämpft gleichzeitig mit Kritik wegen des Musikerabbaus. Dass diese Themen immer aktuell bleiben, zeigt mein Interview mit Pressesprecher Stephan Jäckel. Es fand bereits am 31. Mai 2013 statt. Doch auch nach einem halben Jahr sind unsere alten Gesprächsthemen aktuell: Das Phantom der Oper wird in knapp 17 1/2 Stunden seine erste offizielle Preview erleben. Gleichzeitig erklingen auch hier Stimmen wegen des verkleinerten Orchesters und was das vierte Theater betrifft: Welche Show bekommt denn nun den neuen Platz im Hafen? Darüber und über einige andere Themen habe ich mit Stephan Jäckel gesprochen.

Es ist der 31. Mai als Stephan Jäckel und ich uns in seinem Büro in der Hamburger Altstadt treffen. Dort, wo Hafencity und Rotklinkerbauten aneinandergrenzen, befindet sich der Hamburger Sitz des Musicalproduzenten Stage Entertainment.
Jäckel ist der Pressesprecher eines machtvollen Unternehmens, das weltweit bekannt ist. Wir möchten heute darüber sprechen, was diese Position bedeutet, was es mit den letzten Negativ-News auf sich hat und was neben dem Phantom der Oper noch für Neuerungen auf die Stadt Hamburg zukommen.

Katharina Börries: Hallo Stephan. Wir haben heute die Gelegenheit, über eine Menge Themen zu sprechen. Doch erst einmal zu dir persönlich: Du bist der Sprecher eines großen Musicalunternehmens, das auch international bekannt ist. Wie kommt man dazu?

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Pressesprecher Stephan Jäckel in seinem Hamburger Büro

Stephan Jäckel: Ich glaube fest daran, dass es dafür kein Rezept gibt, sondern dass es von den Zufällen des Lebens abhängt, auf diesen Weg zu gelangen. In unserer Geschäftsführung, zu der ich auch zähle, haben wir ganz unterschiedliche Ausbildungsberufe gelernt, ich selbst bin zum Beispiel Jurist. Ich wusste allerdings schon während meiner Ausbildung, dass ich nicht in einem rein juristischen Beruf arbeiten möchte. Dafür hat mir die Kommunikation viel zu viel Spaß gemacht. Dazu kommt natürlich die große Liebe zum Theater, die ich bereits als Kind hatte, und ich glaube, das hilft in unserem Unternehmen sehr. Wer nicht dieses prickelnde Gefühl bekommt, wenn er mal backstage ist, oder bei dem Duft schaudert, den der Theatersaal ausströmt, wird von der Begeisterung nicht gepackt werden. Und das gilt für meine Position genauso wie für fast jeden anderen Beruf: Wenn man sich dafür nicht begeistern kann, dann wird man darin auch nicht brillieren.

Katharina Börries: Würdest du mir zustimmen, wenn ich sage, dass Stage von den Medien generell sehr positiv aufgenommen wird? Euer Hauptziel ist natürlich, das Auftreten und vor allem die Werbung so zu vermarkten, dass dieses Bild entsteht. Doch mir scheint, dass es bisher ganz gut funktioniert.

Stephan Jäckel: Absolut richtig. Ich kann keinen Rezensenten und keinem Journalisten dieser Welt seine Meinung vordiktieren. Wenn es einem Journalisten gelingt, berechtigt zu recherchieren und einen zutreffenden Aspekt mit kritischem Unterton gut herauszustellen, bin ich der erste, der vor den Kollegen der Geschäftsführung steht, um zu sagen: Nehmt es nicht als Tragik, es kann nicht immer nur alles himmelhochjauchzend und Sonnenschein sein. Die Glaubwürdigkeit von Pressearbeit hängt in erheblichem Maße davon ab, dass sie nicht wirkt wie ein verlängerter Arm der Vermarktung. Bei Journalisten ist es so: Irgendeinen negativen Aspekt möchte fast jeder in seiner Rezension haben. Einen Verriss haben wir selten und ich akzeptiere ihn, wenn er berechtigt geschrieben wird.
Was unsere Werbung betrifft: Dass wir in unserer Werbung sympathisch, fröhlich, lustig, heiter auftreten, ist ja selbstverständlich. Und wir müssen kreativ sein. König der Löwen spielt jetzt im 11. Jahr, was muss sich meine arme Kollegin dort immer überlegen, um überhaupt noch stattzufinden. Es gab in Zusammenarbeit mit der Brigitte zb afrikanische Herbst-Bastel-Deko-Sachen. Jeder konnte sich die Wärme Afrikas an regennassen Herbsttagen nach Hause holen und immer leuchtete darüber der strahlende Kopf des König der Löwen. Es war erfindungsreich und unglaublich positiv, obwohl es mit der Show selbst nichts zu tun hatte. Insofern, das was du angedeutet hast: Ja, das was wir machen soll natürlich sagen, hier entsteht gute Laune für die Alltagsflucht.

Katharina Börries: Dennoch gibt es natürlich nicht nur positive Seiten. Gerade in letzter Zeit gab es ja Meldungen um den Musikerabbau, der jetzt bei Tarzans Umzug nach Stuttgart geschieht. Es wurde bemängelt, dass der Live-Anteil einer Show dadurch immer weiter abnimmt. Wie reagiert man auf solche Meldungen?

Stephan Jäckel: Im Grunde habe ich die luxuriöse Situation, fast schon an einer Hand abzählen zu können, was kritische Themen bei uns sind. Unser Theatertun ist relativ krisenarm. Es gibt immer mal wieder auftauchende Themen, wie eben die Frage der Größe von Orchestern oder  die Frage nach Urheberrechten.
Das Thema Orchesterreduzierung ist für uns stets von zwei Seiten zu betrachten. Wir machen nichts, was in der künstlerischen Wirkung eine Show schlechter macht. Es gibt schon viele Musiker, die sich auf Computet Music, also die technische Unterstützung der Live-Instrumente, spezialisiert haben. In London zB gibt es dafür schon Studiengänge. Und dieses Schaffen ist durchaus kreativ.
Was aber unbestritten ist, ist folgendes: Wenn weniger Menschen in einem Orchestergraben sitzen, bedeutet das für diese Menschen, sie verlieren ihren Job. Diese Traurigkeit oder Enttäuschung kann ich niemandem nehmen. Andererseits hat auch gerade im Kulturbetrieb niemand einen festen Job garantiert. In den Theatern werden Menschen immer nur für eine ganz bestimmte Produktion angestellt und danach sofort wieder entlassen. In New York hat man eine 14-tägige Kündigungsfrist, das ist alles. Bei unseren Verträgen haben wir mindestens halbjährige Vorlaufzeiten, meistens sogar noch länger. Da wir keine Subventionen bekommen, müssen wir permanent schauen, wo wir unsere Prozesse und unsere Abläufe, unser Bühnengeschehen, in einer Weise hinbekommen können, die unnötige Kosten vermeidet, aber das Gesamterlebnis für das Publikum nicht beeinflusst. Und das wird immer der Gradmesser sein. Solange wir keine negativen Auswirkungen feststellen, gehen wir diesen technisch machbaren Weg bestimmt auch weiter. Was allerdings auch gesagt werden muss, ist, dass wir niemals ganz ohne Live-Instrumente auskommen werden.

Katharina Börries: Um noch einmal auf Neuerungen einzugehen: Freust du dich persönlich, dass ihr das Phantom der Oper wieder nach Hamburg holt?

Stephan Jäckel: (lacht) Eine gefährliche Fangfrage, da ich tatsächlich das Phantom der Oper als eine meiner ersten Shows als privater Besucher gesehen habe und ich es damals noch ganz in meinem bildungsbürgerlichen Opernwahn etwas fragwürdig fand, warum man da so tut, als sei man in der Oper. Aber ich habe schon damals mitbekommen, wie viele Menschen doch absolut begeistert von diesem Stück Musical waren. Und wenn man mal schaut was sich in der Welt des Musicals alles so weiterentwickelt hat, bleibt das Phantom ein herausragend gut gemachtes Stück. Es ist eben ein großer opulenter Ausstattungsklassiker mit symphonischem Klang und mit an die Oper angelehntem Drama. Dieses Sub-Genre vom Musical erfreut sich großer Beliebtheit, wie wir jetzt auch wieder merken, wobei die Storyline insgesamt natürlich sehr sehr gut ist. Das Phantom kehrt ausgerechnet in das Haus zurück, was extra für es selbst gebaut wurde. Das geht auf in der Komplettbotschaft. Und es bewirkt eben bei den über 7 Millionen Menschen, die es seinerzeit gesehen haben, eine schöne Erinnerung und insofern bin ich fast eher darüber glücklich, was ich als Geschichte darum herum stricken kann, als über die künstlerische Frage. Da zählt es, das gebe ich ganz offen zu, nicht zu meinen Lieblingsmusicals, nein. Aber das macht gar nichts. Ich kann auch über Shows und Musicals gute Dinge herausarbeiten, die mich jetzt selber künstlerisch nicht so ansprechen.

Katharina Börries: Der Engel des Phantoms hat ja sogar die ganze Zeit in Hamburg überdauert.

Stephan Jäckel: Da bist du supergut informiert. Ja, das hat er, und zwar auf der Probenbühne ,Stage Left‘ in der Flora. Und wir haben noch das zweite schöne, dass unser Producer, der Ulf Maschek, den Aufbau der Show schon seinerzeit verantwortet hat. Das heißt, wir haben da ganz viel alte Erfahrung, und er hat den persönlichen Ehrgeiz, dass der berühmte Kronleuchter doch noch schneller und noch spektakulärer auf den Zuschauer runterbrettert und das löst natürlich auch ein kleines Augenzwinkern bei uns allen aus. Wenn das gelingen mag, ist das schön.

Katharina Börries: Und dann natürlich noch eine ganz spannende anschließende Frage: Was kommt ins vierte Theater?

Stephan Jäckel: Ja, das möchten alle gerne wissen. Wir werden es wohl erst nach der Premiere vom Phantom am 28. November verkünden, weil wir das Phantom bis dahin medientechnisch alleinstehen lassen möchten. Wir finden, dass wir natürlich finden, dass ein Theater, das seit 1999 überhaupt der erste Privattheaterbau in Deutschland ist, an herausragender Stelle in Hamburg, direkt am Wasser, gleich neben dem strahlenden König der Löwen, auf phantastische architektonische Weise gebaut, auch eine überdurchschnittliche Show braucht. Dies bringt uns immerhin schon dazu, zu sagen, dass es mindestens eine Deutschlandpremiere wird, wenn nicht sogar eine Weltpremiere.

Katharina Börries: Ein Tipp war zum Beispiel Disney‘s ,Kleine Meerjungfrau‘. Geht es da schon in die richtige Richtung?

Stephan Jäckel: Disney ist für uns ein ganz wichtiger Partner. Die haben uns beginnend mit dem König der Löwen immer stärker als Theaterproduzent anerkannt und immer öfter die Gelegenheit gegeben, künstlerisch bei ihren Shows mitzuwirken. Bei Tarzan war der Stage-Anteil schon ganz erheblich. Am Broadway hatte es sogar gefloppt und wir haben es unter unsere Fittiche genommen und auf behutsame Weise und gemeinsam mit Disney umgearbeitet, sodass es ein kommerzieller Erfolg wurde. Der Disney-Katalog ist sehr sehr groß. Alles was neu kommt schauen wir uns an, schon in einer ganz frühen Entwicklungsphase, zum Teil sind wir jetzt sogar Mit-Geldgeber bei Disney. Eine Disney-Show wäre nicht völlig abwegig. Aber es könnte auch genau so gut etwas ganz anderes kommen.

Katharina Börries: Klar, das musst du ja sagen. Damit sind wir schon am Ende unseres Interviews. Vielen Dank für deine Zeit.

Stephan Jäckel: Mir hat es sehr viel Spaß gemacht. Dankeschön.

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