Der Traum vom Fliegen

Der Traum vom Fliegen

Es waren einmal einige Blätter, die hingen an einem Baum. Der Baum war noch nicht besonders alt, doch irgendwann musste der Herbst kommen und wie es die Natur vorsah, kam mit ihm auch die Zeit, in der die Blätter Abschied nehmen mussten von ihrem sonst so sicheren Platz. Es gab einige, die sich schrecklich fürchteten, andere, die schon allein wegen des Schocks einfach den Griff lockerten und betrübt in die Tiefe fielen. Doch es gab auch ein Blatt das stolz war auf sein goldenes Kleid. Selbstbewusst betrachtete es sich selbst und dachte: „Wenn ich schon weiß, was passiert, dann trage ich diese Gewissheit wenigstens mit Würde und mache das Beste daraus. Ich wollte schon immer wissen, wie es ist, zu fliegen….“

Weitere Blätter nahmen Abschied vom Baum und ihren Artgenossen, fielen herunter wie leichte, beschwingte Tränen, und tatsächlich schienen sie es zu sein, denn der Baum weinte um sie. Nun rückte der Tag immer näher, an dem sie alle am Boden auf den Winter warten sollten. Eines der Blätter sagte: „Ich habe Angst. Was soll das alles? Was hatte es für einen Sinn, hier zu wachsen und sich behütet zu fühlen, wenn man doch irgendwann gehen muss?“ Ein anderes fügte hinzu: „Wir alle sind nur Spielzeuge des Schicksals! Der Wind hat schon immer an uns gerissen, Tiere wollten uns zum Futter haben, Regen spülte über uns hinweg. Aber das Schicksal, das hat es in sich! Es lässt uns nicht in Ruhe, egal, was wir tun, es folgt uns, und zwar bis es das hat, was es will.“ Das dritte Blatt jedoch musste lächeln. „Was ihr beide habt. Warum ziert ihr euch? Das Schicksal will euch nicht rügen, es prüft, damit es weiß, wer seiner würdig ist. Manchmal trifft es falsche Entscheidungen und die, die es am wenigsten verdient haben, müssen früher gehen, als sie sollten. Doch manche von uns schaffen es und behaupten sich in Momenten, in denen selbst das Schicksal nicht gewappnet ist. Diejenigen werden bleiben.“ Und es wandte sich an den Baum, der noch immer trauerte, obgleich er wusste, wie der Herbst enden würde. „Lieber Baum, in all der Zeit hast du mich gehütet und geschützt, uns allen einen Platz geboten und uns versorgt, so gut du konntest. Hör auf zu weinen. Nächstes Jahr wirst du wieder genauso prächtig aussehen. Und selbst, wenn es nicht wir sind: Es sind andere, ähnlich wie wir, und mindestens genauso liebenswert. Ich wollte schon immer fliegen, lieber Baum, und jetzt habe ich die Chance dazu. Denn Leben heißt zu lernen, wie man fliegt.“ Und der Wind nahm das Blatt mit sich und wehte es hoch in die Luft, dorthin, wo es alles sehen konnte. Und es seufzte: „Ja, das muss das Leben sein.“

Diese Geschichte habe ich 2008 für einen mir sehr wichtigen Menschen geschrieben.
Ich verweise hiermit auf ein Zitat aus dem Musical „Wicked“ und gleichzeitig auf die Rezension des Stücks, die ebenfalls in meinem Blog zu finden ist.

Nachtrag 21.03.:
Vielen Dank an Oliver Ménard, der in diesem Text das Lied „Der Traum vom Fliegen“ von Alexandra erkannt hat. Es war ziemlich gruselig, zu sehen, dass es überhaupt einen Song mit diesem Titel gibt. Dass er auch noch den gleichen Inhalt hat, ist noch gruseliger. Liebe Alexandra, ich habe dein Lied erst gestern Abend gehört. Wir glauben an Reinkarnation, daher vielen dank für die Inspiration vor 4 Jahren ;)
Liebe Grüße

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