Der Schneekönig

Der Schneekönig

Mein Name ist Justus. Fast 15 Jahre lang habe ich als Kellner gearbeitet, 15 Jahre lang in ein und demselben Café. Früher, als junger Mann. Wenn man einen Beruf hat, wie ich ihn ausübte, dann hat man Kontakt mit vielen Leuten. Einige sind uninteressant, andere hingegen bleiben einem für immer im Gedächtnis. Und von jemandem, der einem für immer im Gedächtnis bleibt, möchte ich jetzt erzählen, denn es ist mir wichtig, dass auch andere von ihm erfahren. Was dieser Mann mir gezeigt hat ist etwas, das vielleicht nicht jeder so erstaunlich finden wird, wie ich. Sicher werden Leute den Kopf schütteln, wenn sie das hier lesen, sie werden sagen, dass es Zeitverschwendung war, diese Erfahrung zu Papier zu bringen. Vielleicht gibt es Leute, die lachen wenn sie die Gedanken eines alten Mannes gedanklich nachvollziehen müssen. Aber vielleicht gibt es auch jemanden, der das Gleiche denkt wie ich: Nämlich, dass der Mann, von dem ich erzähle, ein wahrer Meister seiner Kunst war.

Die Sonne schien hell und warm in das kleine Café an diesem Tag, doch er mied das Licht. So wie immer. Seelenruhig saß er an seinem Stammplatz, dort, wo die hohen Häuserwände auf der anderen Seite der Straße das Licht abhielten. Ich trat an seinen Tisch. Lächelnd, wie es sich gehörte. „Was darf ich Ihnen bringen?“ Der Gast sah mich an. „Ein Wasser, bitte“, antwortete er, ohne jede Gefühlsregung. Damals verglich ich ihn gerne mit der Schneekönigin aus den Märchen, ein Mensch aus Eis. Doch natürlich behielt ich die Gedanken für mich. Mittlerweile kannte ich den Mann. Seit ungefähr einem Monat kam er regelmäßig ins „Bright Light“ und bestellte von seinem Schattenplatz aus ein Wasser. Hatte er in diesem Monat einmal gelächelt, war er einmal in Begleitung da gewesen? Ich konnte mich nicht erinnern. Bis zu diesem Tag arbeitete ich bereits 3 Jahre dort. Ich kannte die Stammkunden, ich wusste, mit wem man scherzen konnte, wen man lieber mied. Aber ihn konnte ich nicht einschätzen. Er saß einfach da in seinem schicken Anzug, still und allein. So auch an diesem Tag. Ich schenkte ihm sein Wasser ein und sah kurz auf, als sich die Tür öffnete. Eine junge Frau betrat das „Bright Light“. Hübsch angezogen mit ihrem blauen, langen Kleid und den schwarzen Schuhen, ihrem sympathischen, schönen Gesicht und den schulterlangen roten Haaren. Es dauerte nicht lange, bis sie sich für einen Tisch entschieden hatte. Für den Schönsten, den es im Café gab. Genau am Fenster, wo die Sonnenstrahlen noch nicht von den grauen Wänden verschluckt worden waren. Einen Moment betrachtete sie die Leute, die draußen vorbeiliefen, dann sah sie gedankenverloren auf ihre Hände. Für mich war es Zeit, dem Mann sein Getränk zu bringen. Ich stellte es vor ihn auf den Tisch und ich sah ihn an. Dieser starre Blick aus den kalten blauen Augen, diese ausdruckslosen, schmalen Lippen und diese bleiche Haut…. Ich hatte Angst vor diesem Mann. Er nippte an seinem Glas und ich sah zu, wie sein Blick durch den Raum wanderte. Über die Tür an die Decke, von dort aus über die anderen Tische mit der schlichten Dekoration darauf, ans Fenster und zur jungen Dame; und dort blieb er. Ich schluckte. Die Miene des Bleichen schien sich noch mehr zu verdüstern. Er sah die Frau an wie eine Katze, die gleich ein armes Mäuschen fressen wollte. Lauernd und drohend. In diesem Moment ging es mir gar nicht so sehr um die Frau, um ehrlich zu sein dachte ich an mich, als ich schnell zu ihrem Tisch ging, und mich wie eine Barriere zwischen sie und die Blicke stellte. An diesem Tag war ich allein im „Bright Light“, zumindest bis der Chef am späten Nachmittag die neuen Lieferungen kontrollieren wollte. Doch es war erst  14 Uhr. Wenn diese Frau gehen würde, dann wäre ich allein mit ihm! Wer wusste schon, wie lange er bleiben würde, der Chef war gegen 17 Uhr zu erwarten. Man mag es mir glauben, oder nicht, aber diese Vorstellung allein brachte mich zum Zittern.
Ein mitleidiger Blick meines weiblichen Gastes war die Folge. „Ist Ihnen nicht gut, mein Herr?“, fragte die Dame freundlich und betrachtete dabei den Stift, der in meiner Hand hin und her wippte. „Ich, nun ja, ich bin etwas … also… mir ist kalt, wollte ich sagen.“ Blöde Ausrede. Das wusste sie auch. „Ihnen ist kalt? Sie stehen in der Sommersonne und Ihnen ist kalt?“ „Nun, ich bin zart besaitet, meine Dame.“ Ich beschloss, nicht zu sagen, dass sie soeben von den Blicken des Unheimlichen durchbohrt worden war. „Was hätten Sie denn gern?“ „Ein Wasser und ein Stück von diesem Kuchen dort.“ Sie deutete auf unsere Kuchentheke. „Hausgemacht!“, betonte ich, denn auf diese Theke war unser Chef besonders stolz.
Mein Zittern hatte sich fast gänzlich beruhigt, nun war ich in der Lage, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen und der Dame ihre Bestellung fertig zu machen. Dennoch spürte ich eisige Blicke im Nacken. Mich umzudrehen und zu sehen, ob der Mann am anderen Tisch nun mich ansah, als wäre ich sein mickriges Opfer, traute ich mich nicht. Es reichte schon, dass ich gleich nach seinem Befinden fragen musste. So verlangte es die Höflichkeit. Ich trug also den Kuchen und das Wasser zur jungen Frau und wandte mich gleich an den Bleichen. „Ist Ihnen alles Recht?“ „Ich denke schon. Und wie ist es bei Ihnen?“ Seit wann fragten Gäste die Kellner, wie es ihnen ging? „Ich kann mich nicht beklagen.“ „Dann ist ja gut.“ Die schmalen Lippen schienen den Versuch zu wagen, sich zu einem kleinen Lächeln zu formen. Ganz gelang es jedoch nicht. Der kalte Ausdruck gewann schnell wieder die Oberhand. „Nun, Herr Kellner, wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich würde Ihnen gern vorschlagen, sich um Ihren anderen Gast zu kümmern. Die Lady wirkt verstört, meinen Sie nicht?“ Verwundert drehte ich den Kopf. Was war passiert? Die Freundlichkeit, die doch vorher so deutlich auf dem Gesicht der Frau gelegen hatte, war verschwunden. Stattdessen sah ich das, was auch er gesehen hatte. Verstörung. Oder war es Angst? Ich konnte es mir nicht erklären. Eben war sie noch fröhlich gewesen! „Könnten Sie kurz hier herüberkommen?“ Die sanfte Stimme der Frau war schrill und hoch, fast panisch. „Nun kommen Sie schon!“ „Natürlich.“ Mit einem Satz war ich bei ihr. „Was gibt es?“ „Dieser Mann, wer ist das?“ „Tut mir Leid, ich weiß es nicht, wir fragen nicht nach den Namen von Gästen.“ „Dann…“, sie zögerte und stand auf einmal ruckartig auf, „… gehe ich lieber!“ Hektisch eilte die Frau zur Tür, sie sah den Mann noch einmal an. Das war der Moment in dem ich deuten konnte, was sich auf ihrem Gesicht spiegelte. Es war weder Verstörung, noch war es Angst, es war blankes Entsetzen. Wenn ich nicht damals diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht gesehen hätte, würde ich nicht glauben, dass es ihn wirklich gibt.

Dann fiel die Tür zu. Ich stand mitten im Raum, und ich war allein mit ihm. Er war aufgestanden, aber ich schwor mir, ihn nicht anzusehen. Die Angst kroch zurück in meinen Körper, ich konnte spüren, wie sie sich langsam in mir ausbreitete. Ein verfluchter Augenblick! Noch nie hatte ich daran geglaubt, dass diese Gefühle wirklich so sind, wie vermeintlich zur Übertreibung neigende Autoren sie in ihren Romanen beschreiben, noch nie hatte ich daran geglaubt, dass ich einmal in die Situation kommen würde, diese Gefühle zu erleben. Dabei ging es doch um einen Menschen. Einen der ist, wie wir alle. Vielleicht etwas gruseliger, aber ansonsten doch nur ein Mensch. Heute glaube ich, dass ich damals anders dachte. Ich glaube, dass ich ihn damals nicht als so jemanden sah, sondern viel mehr als eine Art Geist oder etwas in der Art. Etwas Übernatürliches. Weil ich diese Angstgefühle nicht kannte. „Anscheinend war die junge Dame tatsächlich etwas verstört.“ Der Mann stand genau neben mir. „Du schaust ihn nicht an, du tust gar nichts!“, diese Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, „Warte, bis er geht. Er wird gehen, wenn du nicht reagierst!“ Wenn das so einfach gewesen wäre… Plötzlich legte er seine Hand auf mein Handgelenk, ich spürte, wie sie sich darum schlang.
Die Hand war warm. Dieser kalte Mensch hatte Wärme in sich. Sie floss durch meinen Körper und kämpfte gegen die Angst, die starr geworden war, genau wie ich. Sie vertrieb sie. Tatsächlich traute ich mich auf diese Hand zu sehen, die an meinem Arm klammerte. Von ihr aus konnte ich den Arm verfolgen, bis das Gesicht des Mannes vor mir erschien. „Brauchen Sie eine Pause, Herr Kellner?“  Ich war aufgetaut. Seine Worte klangen auf einmal besänftigend, fast lustig. Es war komisch, aber in diesem Augenblick musste ich lachen. Ich stand mitten im „Bright Light“ und lachte einfach. Der Bleiche ließ mich los und, was soll ich sagen, er tat es auch. Da wusste ich, dass er kein Geist war. Der Mensch, von dem ich es vom wenigsten erwartet hatte, erfüllte das Café mit einer so besonderen Atmosphäre, dass ich einfach überwältigt war. Wie lange wir dort noch standen, weiß ich nicht genau. Auf jeden Fall fanden wir schließlich unseren Platz am sonnigen Tisch, an dem vorher die verschreckte Frau gesessen hatte. Und auf einmal wirkte er gar nicht mehr so blass. War es immer nur der Schatten gewesen, der ihm diese Blässe verliehen hatte? Wir beide waren wie verändert. Den Rest des Tages kam niemanden mehr, der mich als Kellner gebraucht hätte. Er und ich saßen in der Sonne, die schon weitergewandert war und nur noch wenige Strahlen an den Häusern vorbeischicken konnte. Der Chef kam um Punkt 17 Uhr. Sobald er da war, durfte ich gehen. Der Mann ging mit mir.

„Diese Frau, wissen Sie, wer sie war?“, fragte er mich, als wir gerade aus der Tür getreten waren. „Nein.“ Hatte sie nicht ebenfalls wissen wollen, wer er war? Ihr Entsetzen kehrte als klares Bild in meinen Kopf zurück. „Warum hat sie Sie so angesehen?“, musste ich fragen, ohne wirklich so direkt sein zu wollen. „Sie wird ihre Gründe gehabt haben, da bin ich sicher.“ Er zog eine Zigarette aus seiner Jackentasche. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Ich verneinte. „Gut, dann werde ich mir eine Zigarette anzünden. Manchmal ist man einfach so angespannt, da ist es schön, etwas zu haben, von dem man glaubt, dass es dagegen hilft.“ „Und Sie rauchen deshalb?“ „Nun ja, ich habe mich einmal für diese Möglichkeit entschieden, Probleme zu beseitigen. Ich bin nicht mehr wirklich davon überzeugt, dass es auch hilft, aber wer will schon dauernd seine Gewohnheiten ändern?“ Seine Worte ließen mich nachdenken, während wir dem langgestreckten Sandweg durch den Park folgten. Hatte ich etwas, das mir half, Probleme zu überstehen? „Ob ich mich heute noch für Zigaretten entscheiden würde, wo man mittlerweile weiß, was für ein Gift diese Dinger freisetzen? Ich glaube nicht. Die Bequemlichkeit, die ist es. Man ist heute zu bequem, um alles anders zu machen, als man es mal geplant hatte. Ein Laster, das der Mensch einfach nicht los wird.“ „Der Mensch macht vieles falsch…“ „Genau deshalb ist es ja auch so wichtig, dass wir vertrauen können. Und an etwas glauben. Damit uns die Fehler leichter fallen, die wir machen. Ändern kann man sie sowieso nicht. Das Leben ist zu schön, um sich lange mit so etwas auseinanderzusetzen. Es kommen doch eh immer neue dazu.“ Er warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus. „Wissen Sie, Menschen haben sehr unterschiedliche Arten zu glauben, zu vertrauen und zu der Stärke zu finden, die sie im Leben brauchen. Manche gehen in die Kirche, manche haben ihre Glücksbringer und anderen reicht der Glaube an sich selbst. Für was man sich auch entscheidet, solange es einem hilft, ist es gut.“ Der Mann lachte, als er in mein Gesicht sah, denn ich war nachdenklich und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Solange es Menschen gibt, werden Fehler gemacht werden, und solange Fehler gemacht werden braucht man Kraft, trotzdem weiterzumachen. Wissen Sie, was ich meine?“ Dort, wo wir standen, fielen letzte Sonnenstrahlen durch die grünen Bäume. Ich betrachtete meinen Gesprächspartner und ich fühlte mich wohl, weil er da war. In diesem Licht war wirklich alles verschwunden: Die blasse Haut, die Ausdruckslosigkeit, die Bosheit in seinen Augen, die Angst vor ihm. Was er mir erzählte stimmte haargenau, ich wusste es selbst, aber ich hätte es nie so ausgedrückt. Ich hätte nicht einmal von selbst darüber nachgedacht!
Als wir den Park verließen, wandte er sich noch einmal an mich. „Nun denn, hier trennen sich unsere Wege, junger Mann. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Ich würde mich freuen, mal wieder mit Ihnen zu plauschen.“ Lächelnd ging er einige Schritte. „Was ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte: Jede Sache hat zwei Seiten. Wenn es etwas Schlechtes gibt, dann ist da auch etwas Gutes. Auch, wenn wir immer nur eine Seite sehen, mit Glück kommen wir in den Genuss, auch die zweite zu betrachten und dieses kleine Wunder der zweiten Sicht zu erleben.“ Die Hand zum Abschied gehoben entfernte er sich von mir. Nun war er weg. Und ich ging ebenfalls meines Weges.

Das war also mein Erlebnis mit dem Mann, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Wie schon erwähnt werden nicht alle verstehen, was ich an dieser Erinnerung finde. Doch das ist ja auch nicht wichtig. Was ich damit verbinde, ist, dass man seine Angst besiegen kann, wenn man nur die zweite Seite einer Sache sieht. Gäbe es keinen Schatten hieße es, dass auch kein Licht da ist, richtig?

Der Mann kam von nun an fast täglich zu mir, wir unterhielten uns und lachten zusammen. Ich fand irgendwann heraus, dass er und die junge Frau von damals überhaupt keinen Bezug zueinander hatten. Das Schicksal, oder er, wollte wohl, dass ich das Gespräch, das mich so zum Nachdenken gebracht hatte, führen durfte. Ich habe gelernt. Und was ich gelernt habe, habe ich von einem Freund gelernt. Er war fortan das, was meine Probleme bändigte. Wenn ich mit ihm sprach, lösten sie sich von selbst. Ich blieb Kellner im „Bright Light“, bis der Mann sich als Stammkunde verabschiedete. Es war sehr schade, dass ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehen würde; die ganze Zeit waren wir nicht einmal über das „Sie“ herausgekommen oder hatten einmal über Privates gesprochen. Doch ich hatte keine Angst mehr. Nie wieder. Der Schneekönig war damals aufgetaut und hatte sich mir in seiner vollen Pracht gezeigt.

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