Der gute Ruf

Der gute Ruf    

Jons Herz pochte. Da stand er nun, versteckt in einer kleinen Kammer der Sporthalle, und wartete, wartete auf Sarah. Sie war das Mädchen, das ihn vor der gesamten Klasse gedemütigt hatte.
Es war eine einfache Einladung zu einem Schulfest gewesen, doch sie hatte abgelehnt. Gerade ihn, den Spitzensportler der Schule, hatte sie abblitzen lassen. Jon ergriff seinen Schlagstock. Er würde Sarah einschüchtern, sie zur Rede stellen, und dann würde er gehen. Sie würde ihm nie wieder so etwas antun.
Er drehte sich zu einem kleinen Fenster um. Draußen war es schon dunkel. Seine Armbahnuhr zeigte 20:04 Uhr. Bald war Sarahs Training beendet. Sie war im Cheerleader-Schulteam, und somit eines der Mädchen, die ihn bei seinen Siegesserien anfeuerten.
Jon war in sie verliebt. Sarahs Abfuhr hatte in ihm ein ziemliches Chaos ausgelöst. Er dachte zurück. Es war ein Leichtes gewesen, dem gutgläubigen Hausmeister seinen Schlüsselbund abzunehmen. Der Mann hatte ihm die Schlüssel anvertraut, nachdem Jon nach einem Besen gefragt hatte. Bisher war wohl noch keinem aufgefallen, dass der Schlüssel für einen Raum der Sporthalle fehlte.
Plötzlich hörte er das Gelächter der Mädchen. Das Training war beendet. Jon wusste, dass Sarah immer die Letzte war, die die Halle verließ, da sie für Liza, die Trainerin, immer noch einige Notizen machte.
Als er das nächste Mal auf die Uhr sah, war es 20:35 Uhr.
„Warum brauchen Mädchen immer so lange, um sich umzuziehen?“, dachte er. Aber das war  eine Frage, die ihm wohl kein Mann hätte beantworten können. Dann — endlich —, nach weiteren zehn Minuten, war nichts mehr zu hören. Vorsichtig öffnete Jon die Tür und schloss anschließend wieder ab. Keiner sollte bemerken, dass der Schlüssel je gefehlt hatte. Dann ging er leise in die Kabine. Die Tür öffnete sich ohne zu knarren. Eine Bank stand ihm gegenüber und auf ihr saß Sarah. Wie erwartete machte sie wieder einige Notizen.
„Hallo, Sarah!“, rief Jon. Das Mädchen schreckte auf.
„Oh, Jon . . . „, stammelte sie. „Dich hatte ich . . . gar nicht erwartet!“
„Es sollte auch überraschend sein“, antwortete er mit schwachem Lächeln.
„Warte kurz, ich bin gleich fertig.“
Jon setzte sich. Sarah notierte noch einiges und ging dann in die Halle. Er folgte ihr und  sie legte die Notizen ab.

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Der Herr des Waldes

Der Herr des Waldes

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Klaus-Peter König / pixelio.de

Wie wir alle wissen gibt es Dinge, die sich niemand erklären kann. Sie sind etwas Besonderes und es gibt viele Leute, die sich wünschen, sie mit eigenen Augen zu sehen. „Phänomene“, „Fantastereien“ oder „Wunder“ sind Namen, die wir Menschen ihnen gegeben haben. Wir haben keinerlei Wissen darüber, welcher Natur sie sind, warum es sie gibt oder wozu, und trotzdem maßen wir uns an, sie zu benennen. Ich persönlich bezeichne mich gern als einen Mann der Tat, einen Abenteurer, wenn auch auf geistiger Ebene. Mein Interesse gilt schon seit ich denken kann diesen Unerklärlichkeiten, Mythen, Sagen und Geschichten, die sich mit ihnen befassen. Wie gern hätte ich mich einmal wissenschaftlich mit ihnen beschäftigt oder wäre als eine Art moderner Ghostbuster durch die Lande gezogen! Doch: „So wie man denkt, so kommt es nie“. Dies ist eines der Zitate, die in meinen Augen einen der wahrsten Kerne in sich tragen. Ich wurde Historiker.

Ohne große weitere Umschweife möchte ich nun zu dem kommen, was der Anlass meines Schreibens ist. Einem Erlebnis, das niemand von uns mit seinem realistischen Verstand ermessen kann, und einem damit verbundenen Wesen, das mit seiner Gestalt mein Herz erfreute und meine Augen für das öffnete, was uns jeden Tag umgibt: Die Realität.

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Thank you Ma’am

Thank you Ma’am or What you never wanted to know about luck and misfortune

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Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de

When you’re young you don’t think about things which put pressure on you. You try to avoid special situations, but sometimes you can’t. The reason for this is destiny, accompanied by luck and misfortune.

I was 14 years old when I had to learn my lesson. It was a cloudy, frosty winter day, the sun hadn’t made it to shine through the dark haze of the sky above all of us. “Grotto”, this was the way we called our little village, didn’t know what this daytime would bring. In fact it was only a run- down, blotted and apparently unfriendly district, filled with normal people, nice and bad ones, like in every town. But I knew about that day. All trials and tribulations of adolescents flew away in contemplation of the coming incident. Aunt Mathilda’s visit was imminent. For me it was inexplicable how fast the time had run. One year goes so quickly when you know that something horrible will happen again and again.

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Der Schneekönig

Der Schneekönig

Mein Name ist Justus. Fast 15 Jahre lang habe ich als Kellner gearbeitet, 15 Jahre lang in ein und demselben Café. Früher, als junger Mann. Wenn man einen Beruf hat, wie ich ihn ausübte, dann hat man Kontakt mit vielen Leuten. Einige sind uninteressant, andere hingegen bleiben einem für immer im Gedächtnis. Und von jemandem, der einem für immer im Gedächtnis bleibt, möchte ich jetzt erzählen, denn es ist mir wichtig, dass auch andere von ihm erfahren. Was dieser Mann mir gezeigt hat ist etwas, das vielleicht nicht jeder so erstaunlich finden wird, wie ich. Sicher werden Leute den Kopf schütteln, wenn sie das hier lesen, sie werden sagen, dass es Zeitverschwendung war, diese Erfahrung zu Papier zu bringen. Vielleicht gibt es Leute, die lachen wenn sie die Gedanken eines alten Mannes gedanklich nachvollziehen müssen. Aber vielleicht gibt es auch jemanden, der das Gleiche denkt wie ich: Nämlich, dass der Mann, von dem ich erzähle, ein wahrer Meister seiner Kunst war.

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Der Traum vom Fliegen

Der Traum vom Fliegen

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Marion / pixelio.de

Es waren einmal einige Blätter, die hingen an einem Baum. Der Baum war noch nicht besonders alt, doch irgendwann musste der Herbst kommen und wie es die Natur vorsah, kam mit ihm auch die Zeit, in der die Blätter Abschied nehmen mussten von ihrem sonst so sicheren Platz. Es gab einige, die sich schrecklich fürchteten, andere, die schon allein wegen des Schocks einfach den Griff lockerten und betrübt in die Tiefe fielen. Doch es gab auch ein Blatt das stolz war auf sein goldenes Kleid. Selbstbewusst betrachtete es sich selbst und dachte: „Wenn ich schon weiß, was passiert, dann trage ich diese Gewissheit wenigstens mit Würde und mache das Beste daraus. Ich wollte schon immer wissen, wie es ist, zu fliegen….“

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