Tarja am 8. Oktober im Docks

Auf die guten alten Zeiten

Finnin Tarja Turunen gilt als eine der begnadetsten Künstlerinnen des Metal-Genres. Warum, bewies sie bei ihrem gut besuchten Hamburg-Konzert im Docks. Die ausgebildete Sopranistin brachte 2016 mit The Brightest Void und The Shadow Self gleich zwei Soloalben heraus. Stilistisch ganz anders als in ‚alten Zeiten‘ und performancetechnisch in Topform.

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©earMusic, Photo by Tim Tronckoe

Die ewige Berufung auf Nightwish wird Tarja mittlerweile zum Halse heraushängen. Daher taucht unweigerlich die Frage auf: Wie wichtig sind die alten Zeiten für ihren heutigen Erfolg?
Ja, man merkt, dass kein Tuomas Holopainen mehr im Hintergrund die komponistischen Fäden zieht. Tarja Turunens Soloprojekt unterscheidet sich musikalisch stark von den frühen Nightwish-Werken, denen sie bis zur Trennung vom Rest der Band 2005 ihre Stimme lieh. Weitaus weniger episch und dafür mit einer Mehrzahl von eingängigen Rocknummern beschreitet die finnische Grande Dame heute eigene Pfade.

img_3790Und das soll es nun auch gewesen sein. Denn am 8. Oktober präsentierte sich auf der Bühne des Docks eine selbstbewusst Tarja voller Energie. Auch wenn die neuen Stücke musikalisch weit weniger ausgeklügelt sind als die alten Bandhymnen – ihre erstklassige Ausbildung und jahrelange Bühnenerfahrung machen sich definitiv bemerkbar.
Bevor die Finnin aber selbst vor das Publikum trat, leistete die brasilianische Band Angra solide Vorarbeit. Die Power-Metal-Band holte sich 2013 den ehemaligen Rhapsodie of Fire-Sänger Fabio Lione ans Mikro. Nach nunmehr dreijähriger Zusammenarbeit stimmt die Chemie – die fünf Mannen gaben ein harmonisches Bild ab. Schade nur, dass sich die Klangqualität der Vorband so stark von der des Hauptacts unterschied, dass man bei einigen Nummern wirklich ein wenig Wehmut verspürte…

Tarja konnte im Anschluss dafür umso mehr glänzen. Der Klang stimmte, der Auftritt sowieso. Den Anfang machte sie mit No Bitter End, einem Song, der überraschenderweise gleich auf beiden 2016er Alben zu finden ist. Die Künstlerin fühlte sich sichtlich wohl auf der Bühne, interagierte immer wieder mit ihrem Publikum. Und das trotz mörderisch hoher Schuhe, sei an dieser Stelle eingeworfen.

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Auch die Bandmitglieder bekommen zwischendurch ihre Solo-Parts.

Nach sieben Tracks aus der Solokarriere folgte dann eine selbst-initiierte Reise in die alte Bandzeit, womit wir wieder bei der Anfangsfrage wären. Offenbar kommt auch Tarja selbst nicht ohne die eigene Nightwish-Vergangenheit aus. Durch die unterschiedliche Machart zeigten die alten Titel noch deutlicher den Bruch zwischen den künstlerischen Phasen. Die Band-Evergreens Ever Dream und The Riddler verfehlten ihre Wirkung definitiv nicht. Die Zuschauer waren durchweg gut drauf. Hier zeigte sich aber auch, wie viele treue Fans – auch aus früheren Zeiten – an diesem Abend das Docks füllten.

img_3793Tarja hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz, die von ihrer drei Oktaven umfassenden Stimme unterstützt wird. Vor allem ihre Mimik ist dabei auffällig – die geübte Performerin spielt mit dem Publikum und lässt es sich nicht nehmen, die Bühne mächtig zu rocken. Wer sich an ihr erstes Soloalbum My Winter Storm aus dem Jahr 2007 erinnert, weiß allerdings, dass Tarja auch ruhige Momente schätzt. Also schob sie kurzerhand ein kleines Akustik-Set ein, das durch einen Garderobenwechsel und die verschiedenen Soli der Band-Mitglieder eingeleitet wurde. Der Höhepunkt: I Walk alone des eben genannten Albums

Insgesamt gelingt Tarja ein guter Mix aus alt und neu, ruhig und laut. So auch bei den letzten beiden Tracks Vicdim of a Ritual, bei dem sie sehr aus sich herauskommt, und dem Endsong Too Many, der nicht nur The Shadow Self, sondern auch das Konzert abschließt.
Die geplante Zugabe enthält dann noch den Album-Opener Innocence und Until my last Breath vom 2010er Album What lies beneath. Von der Bühne geht die Band dann zum Hidden Track Outro.

Dass die Erwartungen der Besucher bei einer solch talentierten Sängerin hoch sind, ist Tarja sicherlich klar. Wie sie auf der Bühne damit spielt, verleiht ihrer Show neben gesanglicher Sicherheit und einer erstklassigen Performance obendrauf noch eine gewisse Eleganz. Man mag über die meist eingängigen Songs der Soloalben denken, was man möchte. Und auch das Doppel-Album-Projekt 2016 war manch einem eventuell eine Spur zu viel. Live ist Tarja aber in jedem Fall ein Erlebnis, das für Fans der alten Zeiten ebenso geeignet ist, wie für Tarja-Neulinge.

 

 

 

 

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