Das Märchen der Märchen

Der menschliche Makel und seine Abgründe

Märchen gehen immer gut aus? Nicht unbedingt. Nach Vorlage volkstümlicher, italienischer Erzählungen kreierte Regisseur Matteo Garrone einen kulissenstarken Film aus drei Handlungssträngen, deren Pointen wichtige Einblicke in die dunklen Ecken des Menschseins bieten, auch wenn sie sich dabei des Öfteren in den schönen Bildern der Märchenlandschaft verlieren. Pech gehabt haben also nicht nur die Figuren selbst, die eben nicht glücklich bis an ihr Lebensende sein dürfen, sondern auch die Zuschauer, die sich auf ein besetzungs- und storystarkes Highlight eingestellt haben, das sie mit märchenhafter Leichtigkeit und Unbekümmertheit erfreut.

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Es war einmal in einem Land voller märchenhafter Gestalten. In drei Königreichen regieren starke Herrscher, die leider jeweils eine überaus starke Obsession aufweisen.
Die Königin von Longtrellis (Selma Hayek) sehnt sich nach einem Kind und ist bereit, dafür auch einen Tod in Kauf zu nehmen. Denn das Gleichgewicht der Welt muss bewahrt werden. Der König von Strongcliff (Vincent Cassel) fröhnt gern der Lust, seine Begierde richtet sich auf die schönsten Frauen des Landes. Als er sich in eine wundervolle Stimme verliebt, weiß er nicht, dass es sich dabei statt um ein junges Mädchen um eine alte Dame handelt. Beide sollen daraus lernen. Der dritte im Herrscherbunde ist der König von Highhills (Toby Jones). Durch seine Liebe zu Insekten übersieht er die Bedürfnisse seiner Tochter und gibt sie nach einem wahnwitzigen Versuch, den passenden Bräutigam für sie zu finden, in die Hände eines Ogers. Ein König muss zu seinem Wort stehen.

Und so bewegen wir uns in den drei Reichen zwischen den Mythen und Legenden italienischer Erzählungen, gespickt von unübersehbaren Hinweisen auf menschliche Fehler. Die sogenannte „Pentamore“, die Sammlung aus fünfzig Märchen, die Ritter Giambattista Basile niederschrieb, wurden 1964 – über 30 Jahre nach seinem Tode – veröffentlicht. Im Barocken Stil erzählt er darin von Feen, Monstern und Menschen, allerdings ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen oder etwas zu beschönigen. Entsprechend unromantisch zeigt sich auch der Film, dessen schöne, beinahe glatte Bilder im krassen Gegensatz zu den bröckelnden Fassaden der Figuren stehen.

Doch was erst einmal tiefgründig klingt, kann sich im Laufe des Films einfach nicht recht entfalten. Der von Regisseur Matteo Garrone gewählte episodenartige Erzählstil ist angenehm zu verfolgen, die chronlogische Parallel-Inszenierung gelungen. Doch es fehlt der inhaltliche Bogen, der die drei Königreiche zusammenführt und Passagen erklärt, die einfach nur etwas Märchenhaftes ohne Sinn offenbaren. Bereits im Trailer sieht man die Hauptgeschichten der drei Handlungen, von denen sich eine als gutes Beispiel erweist: Der in Strongcliff angesiedelte Plot befasst sich mit dem Schicksal der alten Dora, die gern wieder jung sein will und es dann auch auf wundersame Weise schafft. Doch warum? Das wird nicht erklärt, sondern geschieht einfach. Es gibt keine gute Fee, die das Leid von Cinderella oder Pinocchio bemerkt und ihre Hoffnung auf Hilfe erhört. Der Jungbrunnen taucht zwar in Form einer handelnden Person auf, gerade in Anbetracht deren charakterlicher Züge sucht man jedoch ratlos nach einer Intention für das Geschehen. Geht es hier um das Mephistoprinzip? Einem werden Wünsche erfüllt, die sich später gegen einen wenden? Dass die anscheinend positiven Geschehnisse nicht unbedingt Glückseligkeit verheißen, wird zumindest schnell klar und sorgt auch in den anderen Strängen für Verwirrungen. Die Besessenheiten der Hauptcharaktere erweisen sich als Makel der Persönlichkeiten und treiben sie zu Taten, die von außen betrachtet sinnlos erscheinen und nur das Leid verschlimmern, das schon vorherrscht. Etwa wenn die Königin ihrem Sohn Elias den Kontakt zu seinem äußerlichen Ebenbild aus der Unterschicht verbietet und den jungen Jonah, eben jenen armen Zwilling, anschließend mit einem Angriff vertreibt. Die Fehler dominieren die Geschichte und die Leben der Figuren. Auch diejenigen, die sich vorsehen und denken, das Richtige zu tun, bleiben manchmal nicht ohne Schuld. Und vor allem wenn diese Ahnungslosen durch ihre Mitmenschen ins Verderben gerissen werden und teilweise nicht einmal bemerken, was sie getan haben, gibt es Gänsehautmomente, die einen nachdenken lassen.

Statt Kindern sind hier also Erwachsene gefragt, die sich den Märchen für Ältere stellen. Die Altersempfehlung ab zwölf ist daher zumindest die inhaltliche Schwere betreffend ein wenig hochzuschrauben.
Basiles Geschichten sind Fabeln, die falsches Handeln offenbaren und eine Moral nach sich ziehen. Die gehaltvollen Urteile über den Antrieb menschlicher Wesen können in einem Buch aber vermutlich tiefgründiger vermittelt werden, als in einem Film, der so vieles in angemessener Zeit zusammenbringen muss. So kann durchaus der Eindruck entstehen, man wäre gerade nur mit angenehmen Bildern berieselt worden – vielleicht gerade weil die Wirkung des Films sich erst so richtig entfalten kann, wenn man sich im Anschluss damit auseinandersetzt.

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