Phantom der Oper II – Liebe stirbt nie

Imagewechsel im pompösen Stil

Das Phantom ist zurück! Nachdem es gerade erst die Neue Flora in Hamburg verlassen hat, wird nun das Stage Operettenhaus der Ort, an dem der Maskierte seiner Kunst frönen darf. Gestern Abend feierte das Stück offizielle Premiere. Doch wie darf man sich eine Fortsetzung von Andrew Lloyd Webbers Welterfolg eigentlich vorstellen? Natürlich voller Liebesverwirrungen, kitschig und – wer hätte es gedacht – teilweise sogar originell freakig!

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10 Jahre sind vergangen, seit das Phantom der Oper die junge Christine Daaé in die Katakomben der Pariser Oper lockte und zur Primadonna machte. Nun schreiben wir das Jahr 1907. Es ist viel passiert. Zu viel, mag man im ersten Moment denken, wenn man nach und nach die wohlbekannten Charaktere wiedertrifft, die aber irgendwie gar nicht mehr sie selbst sind.
Christine ist Mutter eines Sohnes geworden, Gustave, während das Phantom sich im Vergnügungspark von Coney Island als Leiter des Varieté-Theaters „Phantasma“ eine neue Identität geschaffen hat. Als seine große Liebe ein Engagement ganz in der Nähe annimmt, lässt er nichts unversucht, um sie wieder für seine Musik gewinnen – und nicht zuletzt auch für sich selbst.

LSN_2015.09.27_38007Der Plot klingt im ersten Moment ziemlich romantisch. Immerhin ist das Motiv der ewigen Liebe allgegenwärtig. Doch wer das „Phantom der Oper“ kennt, stutzt wohl gerade deshalb. War der Maskenmann dort nicht ein unliebsamer Verfolger, der Christine am Ende sogar entführte? Und entschied sie sich nicht aus freien Stücken gegen das musikalische Genie, um mit ihrer Jugendliebe Raoul durchzubrennen? Ja, so war es. Doch „Liebe stirbt nie“ stellt das Figurenbild aus dem „Phantom der Oper“ komplett auf den Kopf. Wer früher jugendlichen Charme versprühte, ist beinahe kühl geworden. Liebende wurden sich fremd. Sogar in Texten wird betont, wie aufgesetzt die Wiedersehensfreude untereinander ist. Nur das Phantom bleibt auch in diffuser Lichterwelt ganz es selbst: Ein Musikschaffender, der von seiner Muse besessen ist.

Der zweite Teil der Phantom-Saga spielt in einer völlig neuen Umgebung. Von der klassischen Fassade der Opernwelt geht es für die Zuschauer mitten in eine kunterbunte Freakshow! Das „Phantasma“ trägt seinen Namen nicht umsonst. Drei dämonisch anmutende Schergen des Phantoms, weiß geschminkt und in Harlekin-Kostümen, setzen an, um auf die folgenden zwei Stunden vorzubereiten. Doch als dann ein Zirkuszelt auf der Bühne steht, aus dem die wundersamsten Gestalten hervorkommen, ist das Auge schon so beschäftigt, dass eine Erklärung ohnehin vergebene Liebesmüh wäre. Die visuelle Inszenierung ist definitiv gelungen und trägt durch die gesamte Show. 250 verschiedene Kostüme erscheinen an diesem Abend auf der interaktiven Drehbühne, dazu 200 Kopfbedeckungen, die allesamt der fabelhaften Welt des Varietés entsprungen sind. Bühnenteile werden verrückt, abgesenkt und aufgezogen, der bewegliche Untergrund verleiht dem Geschehen eine besondere Dynamik. Das Phantom oder Mister Y, wie es sich nun nennt, hat bei seinem neuen Projekt wahrlich nicht gegeizt! Auch nicht, was die Illumination betrifft. Ein australisches Lichtdesign-Team arbeitete für das Stück eine Show aus, die die Kulissen akzentuiert in Szene setzt. In diesem illustren Gewand feierte das Stück übrigens 2011 in Melbourne Premiere, nachdem es 2010 in London uraufgeführt wurde.

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So schön die Lichter und bunten Farben auch anzusehen sind: Ein Musical hat nunmal mehrere Komponenten. Und im Punkt Musik kommt der zweite Teil seinem Vorgänger einfach nicht nach. Es ist nett anzuhören, wie Musical-Ikone Andrew Lloyd Webber die bekannten musikalischen Motive auch in seine Fortsetzung eingewoben hat. Und wer keine Gänsehaut bekommt, wenn der kleine Gustave Christines berühmtes Solo aus dem Titelthema singt, hatte in besagtem Augenblick offenbar gerade den Saal verlassen! Doch ansonsten lahmt der musikalische Teil größtenteils vor sich hin. Viele der Lieder scheinen einfach dafür gemacht, sich anzuschmachten, egal ob das Phantom sich nach Christine sehnt oder gerade mit ihr in alten Zeiten schwelgt – erst im Hotelzimmer und dann in gleicher Länge nochmal auf dem Balkon, was dann leider etwas zu viel des Guten ist. Ja, der Plot ist einfach so emotionsgeladen, dass man ihn voll auskosten wollte. Immerhin erlebt der Zuschauer eine Familienkrise mit, die sich in nur wenigen Tagen komplett entfaltet und im Endeffekt das Schicksal jedes einzelnen Charakters besiegelt. Einen Ausweg kennt nur die dunkle Seite des Phantoms, die Gustave unbedingt die Unterwelt und das zugehörige Kuriositätenkabinett zeigen will. „Wo die Schönheit sich verbirgt“ wird rockig-beschwingt der Ohrwurm des Abends.

web-_G0A0676_PREVIEW - okWas die Darsteller angeht, gibt es dafür wahrlich nichts zu meckern. Der isländische Tenor Gardar Thor Cortes gibt ein beispielhaftes Phantom ab, das nicht nur mit starker Stimme, sondern auch mit gekonntem Auftreten überzeugt. Rachel Anne Moore, in der letzten Produktion als Christines Gegenspielerin Carlotta zu sehen, ergänzt ihren Partner mit ihrer kraftvollen Sopranstimme. Während sie im ersten Teil die einzige Darstellerin mit klassischer Opernausbildung war, bilden die beiden hier ein stimmstarkes Duo, auch wenn das Sprachverständnis für ungeübte Ohren in den höchsten Oktaven doch etwas nachlässt. Zur Seite standen den beiden die Girys, gespielt von Masha Karell und Ina Trabesinger, und Raoul-Darsteller Yngnve Gasoy-Romdal. Das Herz vieler Zuschauer hing aber – wie sollte es auch anders sein – am kleinen Victome de Chagny. Kim Benedikt spielte seine Rolle wirklich vorzüglich und beeindruckte vor allem mit bereits erwähntem Christine-Solo.

Ist „Liebe stirb nie“ denn nun eine gelungene Fortsetzung des bekannten Vorgängers? Für alle, die visuell zu begeistern sind, auf jeden Fall!
Die Legende um das Phantom der Oper wird in bester Muscial-Soap-Manier weitergesponnen. Dass die Figuren in den letzten 10 Jahren allesamt ihre Posititvität verloren haben, ist natürlich schade. Doch irgendwie passt es ja auch zur düsteren Art des Arrangements, die trotz des vielen Lichts allgegenwärtig ist. Die Frage nach der musikalischen Originalität kann man sicher nicht allumfassend beantworten. Wer Klassik mag, wird auch die minutenstärksten Gefühlsduseleien mögen. Dass der Großteil der Songs aber nicht in die Kategorie Ohrwurm gesteckt werden kann, steht fest. Im Gedächtnis bleiben also vor allem die überragende Bühne und der Lichteinsatz. Wenn die gesammelten Kuriositäten eingesperrt in großen Kristallen auf der sich drehenden Bühne ausgeleuchtet werden, ist es schwer, nicht an die dritte Staffel „Freakshow“ von „American Horror Story“ zu denken.

Wer sich auf all dies einlassen kann, wird eine vielfältige Show erleben, die ein Ende nimmt, das den Imagewandel der Charaktere noch einmal auf den Punkt bringt. Man merkt der Produktion an, dass sie hochwertig ist. 7,5 Millionen Euro wurden investiert. Und dadurch bietet sie auch all den Prunk, den man von einem typischen Musical erwartet – auch wenn wie im echten Leben nicht alles perfekt sein kann.

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