Nachtgedanken #2: Was tun wir unseren Tieren an?

Was tun wir unseren Tieren an?
oder: Eine Lobpreisung für „Second-Hand-Tiere“

Haustiere sind einfach wundervoll. Viele von uns lieben es, in Gesellschaft zu sein, einen Freund in unserer Nähe zu wissen, der immer für einen da ist und zudem das Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Doch es gibt auch die andere Seite der Freundschaft zwischen Mensch und Tier. Etwa, wenn man sich mit der Veranwortung zu viel zugemutet hat. Bei den Leidtragenden steht zumindest eines fest: Das sind nicht die Menschen.

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Seit September 2014 hat es mir jemand ganz besonders angetan. Ich rede seitdem oft darüber, verschicke Fotos ohne Ende, obwohl man immer sagt, man würde nicht „einer von diesen Leuten werden“ und habe für etliche Situationen sofort eine Geschichte parat. Es geht um meine Katze Lady Abigail. Einige denken jetzt lächelnd „Wie süß!“, während andere skeptisch die Nase rümpfen. Nun ja, das Los des Tierhalters. Abby ist vermutlich ein EKH-Siam-Mix. Äußerlich sieht sie wie ein typisches Europäisch-Kurzhaar aus, so viel wie sie tagtäglich (und des Öfteren auch nachts) plappert, kann ich mir das Siam-Blut in ihren Adern aber durchaus vorstellen. Ganz genau werden wir es nie erfahren. Sie ist gebürtige Griechin. Mit etwa einem Jahr wurde sie nach Deutschland eingeflogen, um hier ein schönes Leben zu verbringen. Mit ihren Besitzern, die sie lieben, mit ihr schmusen und sich ihr Gemecker anhören, wenn das Leben im Allgemeinen mal wieder nicht den kätzischen Erwartungen entspricht.

Nimmt man sich eines Tieres an, geht man eine große Verantwortung ein. Es verhält sich nicht wie bei einer menschlichen Freundschaft, bei der selbstständige Individuen aus persönlichen Gründen entscheiden, ob sie gemeinsame Zeit verbringen wollen oder doch lieber getrennte Wege gehen. Stattdessen holt man sich tierische Kinder ins Haus. Dieser Ausdruck hat nichts mit dem meist männlichen Vorurteil zu tun, dass Katzen für einsame Frauen schlichtweg zur Befriedigung der eigenen Muttergefühle dienen – es geht vielmehr um das Verhältnis von Besitzer/In und Tier. Ja, Abby will gefüttert werden, gern öfter, als ich es ihr zugestehe. Ich muss ihr Klo sauber machen, sie zum Arzt fahren, hinterherputzen. Wenn ich kuscheln will und sie nicht, bekomme ich das zu spüren. Andersrum ist eher mit Ignoranz zu rechnen: „Hey, du liest ein Buch. Kein Problem, ich kann mich da rauflegen.“, „Du arbeitest? Nein, schau, ich bin doch so süß!“.
Eine starke persönliche Verbindung entwickelt sich, es ist aber keine auf gleicher Höhe. Vor allem in Hinblick auf das Tier selbst: Möglicherweise würden Katze und Hund lieber in freier Wildbahn leben, vollkommen unabhängig. Doch Abby wurde nicht als Wildkatze in einem Naturschutzgebiet geboren, sondern als kleines griechisches Kätzchen, das niemandem gehörte. Die Aufgabe sollte es also sein, ihr unter menschlich geschaffenen Bedingungen ein so gut es geht artgerechtes und schönes Leben zu ermöglichen.

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Hauptsache eingekuschelt

Vor allem, wenn man ihr bisheriges Leben betrachtet: Als sie nach Deutschland kam, muss das eine Umstellung gewesen sein, die sich kein Mensch vorstellen kann. Was bedeutet es für ein Tier, in kleinem Käfig durch Europa zu fliegen? Niemand weiß, ob Abby auf der Straße oder im Tierheim aufwuchs. Einige katzenuntypische Verhaltensweisen lassen vermuten, dass sie von der Mutter isoliert in Gefangenschaft groß wurde. Doch es ist auch egal, wo sie ursprünglich herkommt. Wichtig ist, wo ich sie gefunden habe – bei den Vorbesitzern auf ebayKleinanzeigen.

Ich kann mir an dieser Stelle einige verwunderte Blicke vorstellen. Hätte ich mich nicht sofort in das Prinzessinnengesicht mit rosa Nase, grünen Augen und – selbstverständlich – natürlichem Lidstrich verguckt, hätte ich mich wohl gesträubt, ausgerechnet auf ein Second-Hand-Portal zurückzugreifen, um ein lebendiges Wesen zu adoptieren. Dass Tiere rechtlich als Sache gelten, hat mich schon immer aufgeregt. Es gibt kaum etwas, dass diese Definition mehr unterstützt, als der Tierhandel auf Kleinanzeigen…
In meiner Familie gibt es mittlerweile einige Tierretter, was mich sehr freut. In den letzten Jahren haben es insgesamt vier Kater und zwei Kätzinnen in die Familie geschafft, allesamt ‚gebraucht‘, wie es so unschön heißt, sprich: aus dem Tierheim. Auch hier ist unbekannt, was Jake, Hera, Helena, Flori, Monty und Freddy durchgemacht haben. Ich kann nur sagen, dass sie alle wunderbare Gefährten geworden sind, die keiner von uns mehr missen möchte. So sollte es sein. Und ich bin damit aufgewachsen, dass dies die gewöhnlichen Gefühle gegenüber Haustieren sind.

Umso unverständlicher finde ich da, dass die Mopo noch mitten in der Ferienzeit 228 (!) Tierheim-Neuzugänge attestieren kann. „105 Katzen, 47 Kaninchen und Meerschweinchen, 10 Wellensittiche, fünf Kanarienvögel, 14 Reptilien und sechs Hunde“ heißt es da und das Kribbeln auf meiner Haut ist nicht positiver Natur. Fast wie nach Weihnachten scheinen sich nun unliebsame ‚Geschenke‘ und vermeintliche ‚Lieblinge‘ zu stapeln. Die Heime, die meiste Zeit vermutlich ohnehin überlastet, füttern kopflos gemachte Überraschungen durch, müssen sie teilweise erstmal zivilisieren, nicht selten verarzten. Und was der Tierschutzverein dann als positiv ausweist – „Wir beobachten, dass die Tierhalter ehrlicher werden und ihre Tiere zu Urlaubsbeginn persönlich abgeben.“ – lässt hoffentlich nicht nur mich an Moral und Empathie der Gesellschaft zweifeln. Sie setzen ihre Tiere nicht irgendwo aus oder tun Schlimmeres, ja. Aber wer wegen eines Urlaubs sein Haustier endgültig ins Tierheim gibt und das Gebäude anschließend nicht mindestens mit hochrotem Kopf, gesenkten Schultern oder Bauchkrämpfen aufgrund dieser Peinlichkeit wieder verlässt, hat überhaupt keine treue Tierseele an seiner Seite verdient.

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Mein Entschluss, kein Babykätzchen zu holen, ist allein durch diese Zahlen definitiv der richtige gewesen. Bevor ich auf die Internet-Idee kam, wollte ich es auch erst im Tierheim versuchen. Ich habe meinen Freund drei oder vier Mal dorthin geschleppt. Doch auch eine Adoption über eine offizielle Stelle kann komplizierter sein, als gedacht. Man geht nicht hin, pickt sich aus ästhetischen Gründen seinen Gewinner heraus und fährt heim. Stattdessen wälzt man im Idealfall Infos über eventuelle Krankheiten, persönliche Eigenschaften, nicht zuletzt auch Haltungsbedingungen. Gerade in Hamburg gibt es allerhand ehemalige Streuner, die schlichtweg nicht für die Wohnungshaltung geeignet sind. Große Straßen machen auf der anderen Seite auch ein Outdoor-Leben gefährlich. Schwierige Situation. In unserem Fall war der passende Kandidat nicht dabei. Als Berufstätige, beziehungsweisen Pendler zwischen Studium, Nebenjob und freier Tätigkeit, sollte es ein souveränes Tier sein, mindestens sieben und damit voll erwachsen. Als die Anzeige von Minki – so hieß Abby noch vor einem Jahr – online ging, schrieb ich kurz darauf eine Nachricht. Sie schien einfach ideal, doch warum wollte man sie dann weggeben? Eine Woche später konnten wir sie das erste Mal ansehen.

Ich möchte die Vorbesitzer hiermit keineswegs verteufeln. Persönliche Gründe hatten sie dazu bewogen, sich von einer ihrer zwei Katzen zu trennen, die sich eh nie verstanden hatten, und auf diese Weise blieb der hübschen Katzendame immerhin die eigene Tierheim-Erfahrung erspart. Wir trafen auf ein nettes junges Paar, das Abby nach ihrer Ankunft hierzulande für über sechs Jahre beherbergt hatte. Der andere Kater, Erster im Haushalt und drei Jahre älter, blieb verschwunden. Sie kam direkt an, um uns zu beschnuppern, gab aber keinen Laut von sich; erst als ich scherzhaft fragte, ob sie denn auch miauen könne. Dann trafen grüne Katzenaugen auf braune Menschenaugen. Wir waren uns einig.

Das ist natürlich eine romantisierte Sicht der Dinge. Ich vermenschliche Abby, so wie Tierhalter es mit ihren Begleitern oft und gerne tun. Das Wichtige dabei: Es war mir danach einfach egal, was man uns alles über sie erzählte. Dass sie gar nicht haaren würde, ganz still sei, kein Trockenfutter möge und nur am Fußende schlafe (in Wahrheit kann man gar nicht genug saugen, sie brabbelt ohne Ende, spielt sogar mit ihrem neuen Futter und ist skrupellos, was das Liegen auf Brustkörben, unter Köpfen und generell an den unmöglichsten Orten der Wohnung angeht). Die typischen Nächte „um nochmal drüber zu schlafen“, verbrachte ich mit vorfreudigem Lächeln. Drei Wochen später setzte Abby ihre Pfoten erstmals in ihr neues Reich. Freunde und Verwandte zeigten sich entsetzt, dass die Vorbesitzer tatsächlich auf die 35 Euro ‚Schutzgebühr‘ bestanden hatten. Bis heute haben sie sich kein einziges Mal gemeldet, um zu erfahren, wie es der Kleinen geht. Unser Zusammensein stört das aber keineswegs.

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Irgendwann fragt man nicht mehr nach dem Warum

Wenn Abby sich irgendwo zusammenrollt, sich an mich kuschelt oder auf ihre lustige Art herumschnattert, frage ich mich jedes Mal, ob sie sich so auch in ihrem früheren zu Hause verhalten hat. Sie ist eine Katze wie aus einem Kinderbuch entstiegen. Ich kann mir einfach nicht vortsellen, wie man es nicht schafft, eine Verbindung zu diesem wundervollen Tier herzustellen, das auf so vielen Wegen seine Dankbarkeit zeigt für das, was seine menschlichen Freunde ihm geben. Es ist doch verwunderlich, dass sich die Beschreibungen der Vorbesitzer vollständig von dem unterscheiden, was ich bisher erleben konnte. Was die Tierärztin mir diesbezüglich sagte, war Balsam für die Seele: „Es kann schon sein, dass Katzen einen charakterlichen Wandel durchmachen, wenn sie in eine neue Umgebung kommen. Sie blüht ja offenbar richtig auf, sie fühlt sich total wohl bei Ihnen!“ Seitdem bin ich fast sicher, dass ich eine andere Katze kennengelernt habe, als die Vorbesitzer.

Lady Abigail ist ein kleines Prinzesschen, ihren Namen trägt sie nicht umsonst. Sie kann nerven wie ein ganzer Haufen Katzen und gleichzeitig Seelentröster und Klassenclown sein. Ich bin mir bewusst über die Verantwortung, die ich mit ihr übernommen habe. Doch ohne mich damit selbst emporheben zu wollen: Ich glaube auch, dass ich ihr damit etwas Gutes getan habe. Unsere kleine Familie wächst stetig mehr zusammen und trotz anfänglicher Unsicherheiten habe ich die Entscheidung nicht bereut.
Wer bereit ist, gewisse Opfer für sein Tier zu bringen, wird eine Gegenleistung dafür erhalten, von der ich sicher bin, dass sie den Aufwand wert ist. Ich hoffe, dass noch viele weitere Tiere die Möglichkeit bekommen, ein neues Zuhause zu finden. Seien es nun ehemalige Weihnachtsgeschenke, Unfälle oder Scheidungskinder.

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Wer sich den Artikel der Mopo einmal direkt ansehen möchte, kann einfach diesem Link folgen:
http://www.mopo.de/nachrichten/hamburger-tierheim-ueberfuellt-ausgesetzt–urlaubs-opfer-auf-vier-pfoten,5067140,31480204.html


Nähere Infos und eine Übersicht der zu vermittelnden Tiere in Hamburg findet ihr auf der Seite des Tierschutzvereins: http://www.hamburger-tierschutzverein.de/


Wer einer gesamten Diskussion über die Objektisierung eines Tieres beiwohnen möchte, kann dies in öffentlichen Foren tun:
http://www.kleiderkreisel.de/foren/gefuhle/liebe-and-partnerschaft/3207476-freund-beibringen-dass-ich-katze-nicht-leiden-kann

Hinweis: Die Fragestellung vom Anfang findet tatsächlich ein Ende auf Seite 17. Sämtliche Kommentare zeigen mal wieder: Ein Thema kann auf verschiedenste Weisen wahrgenommen werden. Die Details, die im Verlauf über das Tier ans Licht kommen, zeigen aber: Egal, aus welchen Gründen man ein Tier als das seine annimmt, man muss sich der Verantwortung bewusst sein.

3 Kommentare zu “Nachtgedanken #2: Was tun wir unseren Tieren an?

  1. Wenn du so eine Tierfreunding bist wie du dich hier gibst, solltest du aber auch wissen, dass man Katzen in der Wohnung eigentlich nur zu 2. halten sollte ;)

    • Danke für deinen Beitrag.
      Wir haben uns im Vorfeld natürlich viele Gedanken darüber gemacht, im Tierheim hätten wir auch bewusst ein Pärchen gewählt, ebenso im Fall von Kitten. Abby war mit ihren zu diesem Zeitpunkt 7 Jahren aber als Einzeltier ‚abzugeben‘. Wir wissen nicht, wie sie in Griechenland gelebt hat, nur, dass sie hier in Deutschland die Wohnung mit einem Artgenossen teilte, mit dem sie sich (leider) nie verstand. Es ist schwer zu sagen, ob dies nicht sogar von ihr ausging.

      Ich stimme voll zu, dass Wohnungskatzen möglichst zu zweit gehalten werden sollten, vor allem wenn es sich um Jungtiere handelt. Spätzusammenführungen sind meiner Meinung nach aber nochmal etwas anderes. In ihrem Fall möchte ich nicht davon sprechen, es grundsätzlich auszuschließen. Aber dein „eigentlich“ sagt es ja auch schon: die Umstände sollten eben passen, damit man auch ein Partnertier findet, mit dem die eigene Katze harmonieren kann.

      • Sehr schön, dass ihnen das auch bewusst ist. Wissen wohl die wenigsten Katzenhalter, dass Katzen eben keine Einzelgänger sind. Habe aber die Erfahrung gemacht, dass auch die schwierigsten Katzen, die durch jahrelange Fehlhaltung schon zu Einzelgängern geworden sind, noch erfolgreich zusammengeführt werden können. Die Suche nach der richtigen Zweitkatze ist nur entsprechend aufwändiger, und es dauert eine Weile bis man eine passende Katze gefunden hat. Aber ja hast Recht, ist alles nicht so einfach.

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