Seht mich verschwinden

Die Suche nach Vollkommenheit – Wie eine junge Frau sich selbst zerstörte

Isabelle Caro hatte immer den Wunsch, etwas darzustellen. Als sie 2007 durch eine Fotokampagne, zum Symbol des krankhaften Schlankheitswahns wurde, war sie bereits bis zur Unkenntlichkeit abgemagert. Doch was steckte hinter ihrem Leiden? Als Erzählerin schildert Regisseurin Kiki Allgeier in ihrer Dokumentation das Leben einer jungen Frau, die als Künstlerin die Schatten ihrer Kindheit hinter sich lassen wollte und schließlich an der eigenen Inszenierung und dem Leben in der Öffentlichkeit zerbrach. Zum Kopfschütteln? Ja. Doch definitiv auch bewegend und vor allem eindrucksvoll.

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© sehtmichverschwinden.de

Man möchte es sich selbst nicht eingestehen, aber jedes Mal, wenn Isabelle Caros Gesicht auf dem Bildschirm erscheint würde man am liebsten wegsehen. Genau diesen Effekt machte sich 2007 Benetton-Fotogaf Oliviero Toscani zunutze. Der Italiener mit einer Vorliebe für polarisierende Motive startete passend zur Mailänder Modewoche eine „No-Anorexia“-Kampagne mit dem Label „Nolita“, die auf die Gefahren von Magersucht aufmerksam machen sollte. Auf dem umstrittenen Plakat war Isabell Caro zu sehen, die zu dieser Zeit bei einer Größe von 1,65 m gerademal 32 Kilo wog. Reaktionen blieben nicht aus. Während die Aufnahmen in ihrem Heimatland Frankreich sogar verboten wurden, entwickelten sich diverse Diskussionen, die über Jahre hinweg und von weiteren Protesten und schockierenden Fotos gefüttert geführt wurden, um im April 2015 sogar ein erstaunliches Ergebnis nach sich zu ziehen: In Frankreich dürfen keine Magermodel mehr über den Laufsteg starksen. Die Werbetaktik mit dem Gesicht Isabelle Caros hat großen Eindruck hinterlassen.
Doch sie selbst erlebte diesen Umbruch nicht mehr. Bereits im November 2010 verstarb die Schauspielerin an einer Lungenentzündung, geschwächt von den Folgen ihrer jahrelangen Krankheit.

Wie es dazu kam, vor allem aber, wie Isabelle selbst mit ihrem Dasein umging, möchte Regisseurin Kiki Allgeier in ihrem Werk zeigen. Die Dokumentation beginnt mit traumartigen Bildern. Ein blauer Vorhang, verschwommen und wabernd, darüber die Stimme von Isabelle Caro. Sie verliest einige Zeilen aus ihrem Tagebuch. Dann erscheint ein Gesicht, die Wangen eingefallen, die Augen dunkel geschminkt. Einem Totenkopf gleich. Im Hintergrund betonen leichte, helle Klänge den Kontrast zwischen dem, was Caro erzählt, und der auf unangenehme Weise friedlichen Atmosphäre, die gerade vorherrscht. In dem Tagebuch geht es um die Flucht aus der Realität. Um ein Leben, das Isabelle nie führen konnte. Allgeier hat einen besonderen Bogen in ihrem Film eingebaut. Mit Bildern aus Nachrichtensendungen verschiedener Länder  zeigt sie, wie überhaupt so große Popularität um die Franzosin entstehen konnte. Erstmals sehen wir auch Isabelles Gesicht in Nahaufnahme. Große blaue Augen, dezent geschminkt, aufgemalte Brauen und die auftätowierten Sommersprossen, mit denen sie ihrem Idol Isabelle Huppert nacheifern wollte. Nur eine Veränderung von vielen. Dazu die Worte einer jungen Frau, die einfach nur Anerkennung wollte: Ja, ihr neues Leben würde ihr gefallen. Und kurz darauf sieht man Christian Caro auf dem Weg zur Beerdigung seiner Tochter.

Dieser Einstieg kann nicht als schön bezeichnet werden. Doch er zeigt genau das, was im Laufe des Films immer deutlicher wird: Die Geschichte des Magermodels, das sich für eine Protest-Kampagne ablichten ließ, ist komplex. Oft weiß man nicht, ob man nun wirklich glauben soll, was man hört oder sieht. Kiki Allgeier hat sich jahrelang mit dieser Person beschäftigt. Sie fragte zwecks eines Kurzfilms bei Isabelle an, die sich bald darauf meldete. Die beiden drehten insgesamt drei Jahre zusammen. Nach ihrem Tod übersandte ihr Vater der Regisseurin noch einige Tapes, stellte außerdem Kinderfotos zur Verfügung. Aus dem Kurzfilm wurde eine eineinhalbstündige Dokumentation, gespickt mit Interviews, Distanzaufanhmen und auch den Selbstporträts, die Isabell allein filmte. „Sie wollte nicht nur wegen ihrer Anorexie gesehen werden, aber ihr war bewusst, dass sie genau deswegen im Rampenlicht stand“, erklärte Allgeier dem ZDF im aspekte-Interview. „Sie war eine sehr starke Person, auch wenn ihr Äußeres fragil wirkte. Man wusste einfach, wenn Isabell im Raum war. Sie hatte eine sehr starke Präsenz.“

Diese nimmt auch den Zuschauer gefangen. Man ist durchgängig hin und her gerissen. Einerseits sieht man einen kranken Menschen, dessen körperliches Befinden in diesem Stadium auch seelische Aspekte haben muss. Auf der anderen Seite steht eine Frau mit dem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, die durch ihre Verfassung endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie immer wollte. Aufgewachsen in komplizierten familiären Verhältnissen, suchte Isabelle schon immer ein Ventil für die Launen ihrer depressiven Mutter, die sie anscheinend von der Außenwelt zu isolieren versuchte. Der Magerwahn war nur eine von vielen Metamorphosen, die sie durchlief. Und wenn dann die Bilder ihres früheren Ichs, einer anderen Identität gezeigt werden, steht man vollkommen im Bann des Caro’ischen Narzissmus. Dazu kommen die Worte ihres Vaters, die alles so harmlos erscheinen lassen. Die Flucht vor der Wahrheit ist in der Familie offenbar verbreitet. Und man bleibt mit purem Unwissen zurück.

Das kann Allgeier mit dem Einsatz künstlerischer Elemente kaum ändern. Doch sie unterstreicht: Nichts ist, wie es scheint, eine Meinung muss sich jeder selbst bilden. Wer den Film sieht, wird vor allem von Ungläubigkeit gesteuert. Was kann einen Menschen so weit treiben? Und in Bezug auf Isabelles Engagements: Was zählt hier eigentlich wirklich. Die Märtyrerin, die sich gegen ihre Krankheit wehren wollte, setzte diese selbst immer wieder in Szene oder ließ dies tun.
Etwa durch das Auftreten bei „Top Model France“. Diese Verbindung erscheint von vornherein skurril, hat Caro selbst doch nur für eine Kampagne gemodelt und ist das Abbild eines zerstörerischen Schönheitsideals. Dass sie dort eigentlich nicht hingehört, zeigen ihr nicht nur zugehörige Personen. Als RTL ihr trotz anderer Absprachen, wie Caro und auch Allgeier später erklärten, für einene Beitrag das Kleid eines Size-Zero-Models anziehen, das ihr nicht passt, kommt es zu einem der verstörendsten Szenen des Films. Denn Isabell will die Anerkennung und sie tut, was man verlangt, ohne sich zu wehren. „Ich war sehr schockiert, als sich diese Situation vor mir entfaltete, denn ich sah diese Verbindung so, wie sie war. Isabell war eine Geschäftsfrau. Sie unterzeichnete einen Vertrag mit ihnen und sie wollte diesen Vertrag erfüllen und Teil der Show sein“, kommentierte Kiki Allgeier die Situation im Interview. Die Schlüsselszene bedarf durchaus einer Erklärung, denn hier wird der Zuschauer komplett von der Widersprüchlichkeit des Vorgehens eingehüllt. Wird hier noch um die eigene Gesundheit gekämpft oder sind die Medien mittlerweile ein Instrument für eine besessene junge Frau geworden, unabhängig davon, wie diese sie behandeln? „Das war eine bizarre Sache,“,fuhr die Regisseurin fort, „sie erlaubte Leuten, Dinge mit ihr zu tun, und verstand dabei nicht, dass sie die Macht über ihr eigenes Image hatte; dass sie sage konnte, sie wolle diese Sachen nicht tun. […] Sie haben vorher auch nicht genau erklärt, was nun passieren würde. Sie nahmen Isabell, das Model, setzten sie zusammen, die Kameras liefen und dann sollten die beiden ihre Arme vergleichend nebeneinander halten. In dem Moment, in dem es passiert ist, war es einfach eine schreckliche Situation. Sie hat nicht Nein gesagt, sondern ist geblieben und hat es gemacht. Und ich weiß nicht, warum sie es gemacht hat.“

Das kann auch kein aufmerksamer Zuschauer verstehen. Isabell Caro erschuf sich als Kunstfigur, deren verschiedene Facetten in „Seht mich verschwinden“ deutlich wurden, ohne damit Klarheit zu schaffen. Ihre Mutter nahm sich kurz nach dem Tod ihrer Tochter das Leben, die Ansichten des Vaters werden mehr als deutlich: Es war doch eine heile Welt, wie konnte das passieren? Wer Erklärungen für all die Wirrungen sucht, wird sie hier nicht finden. Der Film zeigt allerdings das komplexe Porträt einer ich-bezogenen Person, die alles tat, um gehört zu werden. Bis es dann zu spät war.

Unter diesem Link findet ihr das ZDF-Interview mit Kiki Allgeier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2418374/Kiki-Allgeier-im-Interview#/beitrag/video/2418374/Kiki-Allgeier-im-Interview

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