Amaranthe, 13. März 2015 im Gruenspan

Wahnsinn mit System

Am 13. März eroberte der Pop-Metal das Gruenspan. Amaranthe, einer der vielen Vertreter schwedischen Metals, gab sich die Ehre, dem Publikum so richtig einzuheizen. Potential dafür gibt es auf den bisherigen Platten genug. Also stellte sich nun die Frage: Können Sängerin Elize und ihre fünf Jungs die Erwartungen erfüllen? Ja, sie können! Auch, wenn es in den höchsten Höhen manchmal etwas kniffelig wurde. 

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© Katharina Börries

Wie soll man am besten beschreiben, was man hört? Es ist eine Mischung aus Metal, Pop und Trance. Schnell, hoch, catchy. Zwei Sänger und ein Shouter geben sich sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Und wer sich nun fragt, welche Sparte des großen Metal-Bereichs damit nun für die junge Band aus Göteborg Pate stehen kann, der hat – um nur einige zu nennen – die Wahl zwischen Pop-, Melodic- oder Power-Metal.
Denn die Musik von Amaranthe sticht heraus aus einer großen, meist dunkel angehauchten Welt aus harten Riffs und lauten Tönen. Sie ist im Vergleich zu anderen Schweden wie Opeth, In Flames oder Soilwork eher sanft, da symphonischer. Und nicht zuletzt trägt auch Sängerin Elize, die man stimmlich wohl eher im Pop-Bereich vermuten würde, ihren Teil zur Allgemeintauglichkeit bei. In der lauschenden Masse sind daher nicht nur schwarztragende, langhaarige Metalheads zu finden, sondern auch 12-Jährige und ebenso munter tanzende ältere Herren, die offenbar ihre um Coolness bemühte Teenager-Tochter begleiten.

Als gegen 20 Uhr die erste Support-Band zum Abrocken ansetzt, ist zumindest eines klar: Wir lieben Skandinavien. Die finnische Boygroup, äh, Hard Rock – Band Santa Cruz eröffnet das Spektakel und begeistert nicht zuletzt durch einen Mix aus Bon Jovi– und Guns’n’Roses-Charme, der in einer überzeugenden Antwort auf das alternde Steel Panther-Gespann gipfelt.

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© Niklas Franke

Es folgen die härtesten Klänge des abends in Form von Engel, einer ebenfalls aus Göteborg stammenden Band, die dem Publikum zumindest einen Teil der Amaranthe-eigenen Einflüsse vor Augen führen kann: Melodic Death Metal. Um noch etwas Fachwissen einzustreuen: Wir befinden uns musikalisch gesehen mitten in der Göteborger Schule. Ich sagte ja bereits, dass wir Skandinavien lieben.
Engel liefern wirklich wunderbar ab. Wer das aktuelle Album kennt, hat umso mehr Spaß, denn Sänger Mikael weiß genau, was er da auf der Bühne tut. Ob guttural oder nicht: Er überzeugt mit beiden Stimmen.

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© Niklas Franke

Dann nähert sich der Moment, in dem der Main Act des Abends die Bühne betreten soll. Und wie immer ist dies vor allem am Drängel-Mechanismus der Masse zu erkennen. Das Publikum ist entsprechend des Tour- und Album-Namens zumindest schonmal massive addicted. Und als es losgeht wippen die Köpfe, Haare fliegen, Füße verlassen den Boden.
Amaranthe machen Musik zum Abtanzen. Die elektrischen Beats, die poppige Struktur und die eingängigen Melodien springen ins Ohr. Für Hardcore-Fans ist das natürlich kein ‚richtiger‘ Metal. Das interessiert das Publikum aber herzlich wenig.
Nach dem Intro aus dem aktuellen Album „Massive Addictive“ geht es schnell zu alten Titeln zurück. Es wurde im Vorfeld viel auf die Zusammenarbeit mit Produzent Jacob Hansen hingewiesen, der schon bei „The Nexus“ oder auch beim jüngsten Epica-Album „The Quantum Enigma“ seine Finger im Spiel hatte. Doch beim aktuellen Werk rutschte man doch arg in die Kommerz-Schiene ab, der Genre-Mix verlagerte sich unvorteilhaft in Richtung von noch mehr Elektro und noch mehr Linearität. Umso besser, dass der viel beschriebene „Mix aus Alt und Neu“  auch hier seinen Platz gefunden hat. Den Zuhörern ist anzusehen, dass vor allem die alten Titel die Herzen höher schlagen lassen.

Die Band genießt offensichtlich ihr Bühnendasein. Das, was man manchmal bei alten Hasen vermisst, ist die Euphorie über den eigenen Auftritt. Amaranthe sind noch nicht so weit, diese zu verlieren. Nach dem nunmehr dritten Studioalbum wird immernoch synchron im Takt gesprungen, Bassist Johan ext auf Zurufe des Publikums ein Bier nach dem anderen, Elize schickt gefühlt hunderte von Herzen zu ihren Fans. Und wenn sie mit ausladenden Armbewegungen oder theatralischen Figuren Akzente setzt, gesellt sich auch noch ein Stück Musical hinzu.

Das wichtigste Element ist aber natürlich die Musik inklusive Gesang. Und hier ist nun doch eine kleine Anmerkung zu machen. Die Songs sitzen, der Sound im Gruenspan ist wirklich ein Genuss. Doch wer zum ersten Mal bei Amaranthe reinhört, kommt schnell zu der Frage: Ob das auch live klappt? Gelte Sopran nicht als höchste Stimmlage, Elize würde auch die höheren für sich verbuchen. Während Effekte auf den Platten aber ihr Übriges tun, hat man auf der Bühne eben nicht die Möglichkeit, nachträglich zu tricksen. Und in dem einen oder anderen Moment fiepte es schon ganz schön im Gehörgang.
Doch man kann ihr nicht böse sein. Elize ist weder eine klassisch ausgebildete Tarja Turunen, noch eine Performance-Amazone wie Floor Jansen. Und wer weiß, ob Within Temptations Sharon den Adel schon immer so perfekt gesungen hat, wie sie es heute tut. Im fünften Bandjahr als Amaranthe werden solche Kleinigkeiten selbstverständlich noch verziehen. Wäre es nicht auch langweilig, wenn alles perfekt wäre? Wahrscheinlich schon. Daher auch Kompliment an Sänger Jake und Shouter Henrik, die die Dame in ihrer Mitte tatkräftig und vor allem wirklich gut unterstützen.

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© Katharina Börries

Neben dem ein oder anderen Wackler gab es aber keine nennenswerten Auffälligkeiten. Und das klingt doch wunderbar, oder nicht? Amaranthe haben Bock, Motivation, Passion. Und sie geben ihrem musikalischen Wahnsinn aus querbeet gepflückten Elementen sämtlicher musikalischer Genres eine Richtung, die es im Metal selten gibt: Den schier flippig-verrückten Freudentaumel.

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Ein Kommentar zu “Amaranthe, 13. März 2015 im Gruenspan

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