Der Herr des Waldes

Der Herr des Waldes

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Klaus-Peter König / pixelio.de

Wie wir alle wissen gibt es Dinge, die sich niemand erklären kann. Sie sind etwas Besonderes und es gibt viele Leute, die sich wünschen, sie mit eigenen Augen zu sehen. „Phänomene“, „Fantastereien“ oder „Wunder“ sind Namen, die wir Menschen ihnen gegeben haben. Wir haben keinerlei Wissen darüber, welcher Natur sie sind, warum es sie gibt oder wozu, und trotzdem maßen wir uns an, sie zu benennen. Ich persönlich bezeichne mich gern als einen Mann der Tat, einen Abenteurer, wenn auch auf geistiger Ebene. Mein Interesse gilt schon seit ich denken kann diesen Unerklärlichkeiten, Mythen, Sagen und Geschichten, die sich mit ihnen befassen. Wie gern hätte ich mich einmal wissenschaftlich mit ihnen beschäftigt oder wäre als eine Art moderner Ghostbuster durch die Lande gezogen! Doch: „So wie man denkt, so kommt es nie“. Dies ist eines der Zitate, die in meinen Augen einen der wahrsten Kerne in sich tragen. Ich wurde Historiker.

Ohne große weitere Umschweife möchte ich nun zu dem kommen, was der Anlass meines Schreibens ist. Einem Erlebnis, das niemand von uns mit seinem realistischen Verstand ermessen kann, und einem damit verbundenen Wesen, das mit seiner Gestalt mein Herz erfreute und meine Augen für das öffnete, was uns jeden Tag umgibt: Die Realität.

Meine Reise begann an einem kühlen Septembermorgen, als ich meine Koffer zum Taxi trug, um anschließend den nächsten Flug nach Transsilvanien zu nehmen. Mit meinen 65 Jahren war ich nicht mehr der Jüngste und ich kann sogar sagen, dass ich viel erlebte in diesen 65 Jahren. Doch zu dieser Zeit hatte ich das unangenehme Gefühl, viel zu verpassen, wenn ich nicht umherreisen und all den Sachen hinterherjagen würde, die mich als jungen Erwachsenen so fasziniert hatten. Ich rede von Vampiren, Feen und Elfen, Einhörnern und Drachen. Bei den Blutsaugern wollte ich anfangen. In Transsilvanien, wo sie bisher vermutet wurden. Diese Reiselust ist mir bis heute eine der größten Unerklärlichkeiten, die ich am eigenen Leib erfuhr. Schließlich hatte ich sie nie verspürt, weder als Kind noch als junger Mann, doch mit 65 – da kam sie plötzlich aus heiterem Himmel, um einem alten Kerl zu zeigen, wie wenig er von der Welt gesehen oder gehört hatte. Also machte ich mich auf, an dem besagten Septembermorgen.

Es regnete. Das hatte es die gesamte Woche schon. Der Asphalt der Straßen schien aufgeweicht und der Staub der Stadt bildete einen matschigen Belag, als das Taxi, in dem ich saß, durch verwinkelte Gassen glitt. Um den Flug zu bekommen, blieben mir noch knapp 20 Minuten. Der Fahrer, geblendet von dem Licht der Laternen, das sich in den Pfützen spiegelte, sah immer wieder nervös in die Spiegel, bedacht darauf, vorsichtig den Wagen um die Kurven zu lenken. Wir redeten nicht miteinander. Daher versank ich auch schnell in meinen Gedanken, die mir tausende Bilder zeigten, die ich unbedingt einmal in der Realität sehen wollte. Ich sah die schottischen Highlands und Loch Ness, aus dem ein freundlicher Wasserdrache seinen Kopf hob. Ich blickte über die ägyptischen Pyramiden und sah mich kurz davor, das Geheimnis eines verschollenen Grabes aufzudecken. Ziemlich hohe Ziele, eher unmögliche Träume. Das Taxi hielt vor dem großen, hell beleuchteten Gebäude, in dem sich die verschiedenen Terminals zu den Flugzeugen befanden. Kurz vor dem Start saß ich daher auf einem ungewöhnlich gemütlichen Sitz in einem 2. Klasse-Flieger. Eine Stewardess, ein junges, blondes Mädchen mit strahlendem Lächeln, das für jede Zahnpastawerbung geeignet gewesen wäre, ging kurz nach dem Start die Sitzreihen entlang und nickte jedem höflich zu, der ihr in die Augen sah. Während ich zurück in mein Traumland driftete, bemerkte ich aus dem Augenwinkel meinen Sitznachbarn, einen etwas dickeren Mann um die 40, mit schon schütterem Haar und, was ich sehr bemitleidete, großen dunklen Augenringen. Er atmete schwer und trocknete sich regelmäßig große glänzende Schweißperlen von der kahlen Stirn. Als er merkte, dass ich ihn ansah, hob er entschuldigend die Hand. „Verzeihen Sie, aber diese Flugangst.“ „Das macht gar nichts. Wissen Sie, ich kann sie verstehen. Eigentlich habe ich die auch. So viele Meter über dem Boden…“ „Sie sehen aber nicht danach aus!“ Er musterte mich nachdenklich. „Nein, jetzt ist sie auch gerade nicht da. Ich bin viel zu glücklich, um Flugangst zu haben. Versuchen Sie doch auch, glücklich zu sein.“

Rückblickend betrachtet muss ich sagen, dass dieser Ratschlag ziemlich schwachsinnig geschienen haben muss. Der schwitzende Fluggast in seinem feinen Anzug war bestimmt der Ansicht, er hätte ein verrücktes Großväterchen neben sich sitzen. Ich selbst hätte mich zu diesem Zeitpunkt mit jemandem verglichen, den ich aus einem Kinderfilm kannte. „Gerade als das kleine Boot zurück zum Schiff fuhr, das sie nach England bringen sollte, bemerkte Jane, wie sehr sie Tarzan doch liebte und sprang, nach aufmunternden Worten ihres Vaters, über Bord und watete zurück zu ihrem Dschungelmann, der sie liebevoll in seine starken Arme schloss.“ Nicht, dass ich mich für Tarzan hielt! Nein, mein Part stimmte eher mit dem des Vaters überein, der ebenfalls nicht zurück wollte und mit einem fröhlichen „Tüüdelü!“ ins Wasser sprang und von da an mit seiner Tochter und einer Menge Affen im Urwald hauste. Auch dies war nämlich eine Art unerwarteter Euphorie, wie sie mich im Flugzeug überkam. Sie war so betäubend, dass ich tatsächlich nicht an all meine Bedenken bezüglich riesiger Maschinen-Kolosse in schwindelerregenden Höhen dachte. Der anscheinende Geschäftsmann zumindest rang sich ein verkümmertes Lächeln ab und beschäftigte sich weiterhin mit Schweißperlen und einer Krawatte, die nie da saßen, wo sie sitzen sollten. „Und was tun sie in Rumänien?“, erklang die Stimme nach kurzer Zeit doch wieder. „Sie sehen zumindest aus, als würden Sie nicht mehr arbeiten.“ Das ‚zumindest‘ ließ sich wohl durch mehr als einen Faktor begründen, also unter anderem mein weißes, aber sehr gepflegtes Haar, die paar Falten, die nun einmal mit der Zeit auftreten, bei JEDEM wohl gemerkt, den Schnurrbart, auf den ich sehr stolz war, und vielleicht auch meine Haltung, die zwar in meinen Augen immer aufrecht und grazil vornehm war, doch bei nachträglicher Betrachtung vielleicht doch eher wie die Bemühungen eines 65-Jährigen wirkten, möglichst grazil vornehm auszusehen.
„Da haben Sie recht, ich will aus privaten Gründen dorthin. Um genau zu sein: Ich suche, wenn man so will, ältere Bewohner dieser Gegend.“ „Freunde von Ihnen?“ Diese Anspielung überhörte ich geflissentlich. „Nun, nicht ganz. Es hat eher einen mythologischen Hintergrund, eine forschende Perspektive. Ich dachte mir, eine alte Burg anzuschauen würde mir vielleicht bei gewissen Forschungen hilfreich sein.“ „Was ist denn Ihr Forschungsgebiet?“ „Parapsychologie!“, rief ich nicht ohne Stolz aus. Ich ließ mir das Wort auf der Zunge zergehen und sah den Anzugträger feierlich an, denn zu der Gelegenheit, einen wie mich zu treffen, würde er nicht so schnell wieder kommen. „Sie suchen also Geister.“ „Nun, ich würde es eher als Untote bezeichnen.“ „Zombies?“ „Nein.“ „Aber die sind untot.“ „Ich dachte eher an Vampire.“ Mit großem Bedauern musste ich feststellen, dass mein Sitznachbar mich nicht sehr ernst nahm. Woran ich das merkte? Nun ja, er lachte recht herzlich. „Vampire also. Nicht, dass ich Sie kränken möchte, Herr Parapsychologe, aber denken Sie tatsächlich, es gibt sie? Und wenn es sie gibt, dann dort? Wie viele Leute sie gerade in Rumänien schon gesucht haben müssen. Also ich wäre schon längst ausgewandert!“ Wir wechselten also das Thema, beschäftigten uns den Rest des Fluges mit Dingen wie Aktienkursen, Insolvenzen und expandierenden Unternehmen. Der Mann war also, entsprechend seiner Aufmachung, unter den Geschäftsmännern anzusiedeln. So ging es, bis wir landeten. Ich war glücklich, von diesen Themen befreit zu sein und auch mein Gesprächspartner schaute nun glücklich drein. Denn immerhin hatte ich den Flugangsthasen von seiner Flugangst abgelenkt.

Meine Unterkunft war ein kleines, gemütliches Anwesen, das trotzdem eher abwesend aussah. Es gab, wenn ich mich nicht verzählt habe, insgesamt acht Zimmer. Wie auch immer es sich in der Gegend halten konnte: Irgendwie war es ihm über Jahre hinweg gelungen, wie eine kleine Zahl aus Messing über dem Eingang zeigte. 1431. Ich hielt es zwar für unmöglich, wollte aber auch niemandem zu nahe treten und ging einfach hinein. „Guten Abend“, wurde ich freundlich von einem jungen Mann begrüßt, der aber, im Gegensatz zu der netten Stewardess im Flieger, eher einen nachdenklichen Gesichtsausdruck aufwies. „Haben Sie reserviert?“ „Ja, habe ich. Wie läuft das Geschäft im Moment?“ „Man beißt sich durch. Aber als einzige Pension im Umkreis von schätzungsweise 50 Meilen geht es doch einigermaßen.“ Auf meinen fragenden Blick hin erläuterte er seine Aussage. „Nun ja, das, was sie hier in der näheren Umgebung finden werden sind 1. Natur und 2. Wald. Wobei das ja irgendwie zusammen gehört. Auf jeden Fall verirren sich nicht viele Leute in dieses kleine Dorf. Hier ist die Mitte vom Nirgendwo.“
In der Tat hatte ich auf dem Weg vom Flughafen bis hierher kaum etwas anderes als Blätter und Baumstämme gesehen. Der Fahrer, der mich abgeholt hatte, kündigte anfangs fünf Stunden Fahrt an, was aber nicht stimmte. Wir brauchten knapp sieben Stunden. Die ersten beiden waren noch sehr angenehm. Das Auto rollte über geteerte Straßen und ich hatte keine ruckartigen Schleuderpartien zu befürchten. Mit der Zeit aber wurde alles immer schlimmer und dunkler, bis wir schließlich nur noch von einem Schlagloch ins andere hüpften und die Sonne längst versunken war. Letztendlich kamen wir dann in das Dorf, das weit und breit keine Nachbarn hatte, und dort setzte er mich ab, während er das Auto hinter der Pension parkte. Er wollte sich ebenfalls ein Zimmer nehmen, weil wir keine Pause gemacht hatten. Das war einer der wenigen Sätze, die ich ihn sagen hörte. Anscheinend hatte ich keinen guten Draht zu Fahrern. Doch das war auch kein Problem. Er war schon in einem der Zimmer, als ich zur Rezeption kam und da stand ich immer noch, während ich der Erinnerung an die Fahrt nachhing.

„Darf ich fragen, was Sie hier unternehmen wollen?“ Der junge Mann sah mich noch immer an und zwar mit großen klaren grünen Augen. Wenn ich ein junges Mädchen gewesen wäre, hätte ich vermutlich kein Wort herausbringen können. Doch da ich ein Mann war, der höchstens etwas Neid für diese betörenden Sehinstrumente empfand, war das etwas ganz anderes. „Ich bin Parapsychologe und untersuche Phänomene wie….“ „Geister?“ „Nein, nicht Geister, ich würde es eher als Untote bezeichnen.“ „Zombies?“ „Nein.“ „Aber die sind untot.“ Das verwirrende Erlebnis dieses Déjà-vus ließ mich verächtlich schnauben. Der junge Rezeptionist hingegen lachte hell auf. „Ich kann mir schon denken, was Sie suchen“, entschuldigte er sich, „Das war nur ein Scherz. Vampire, habe ich recht? Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen ein paar alte Ruinen und Grüfte, die hier in der Nähe sind. Aber ich sage schon einmal im Voraus: Sie werden hier keine finden. Wir können hier nur mit Fledermäusen dienen.“ Mit einer Enttäuschungsflut überschwemmt ließ ich die Schultern hängen, ähnlich wie ein Bräutigam, dessen Braut ihm den Ring vor die Füße wirft, anstatt ihm freudig um den Hals zu fallen. Genauso fühlte ich mich auch. Ich hatte wirklich daran geglaubt einen der Blutsauger lebendig, also lebend-untot, zu entdecken, möglicherweise sogar mit ihm zu sprechen. Aber der Rezeptionist musste es besser wissen, als ich.
„Auch Fledermäuse können sehr interessant sein“, warf der junge Mann ein, doch auch das munterte mich nicht auf. „Danke, aber ich hätte einfach gern meinen Zimmerschlüssel.“ Er gab ihn mir ohne Umschweife. „Und das Angebot mit den Grüfte?“ „Das nehme ich trotzdem gerne an. Wie kommen Sie auf die Idee? Machen Sie so etwas öfters?“ „Nun, hier passiert nicht viel, da bin ich froh, wenn ich einigen Touristen helfen kann. Wann wollen Sie hin?“ Ich sah an den säuberlich gebügelten Gardinen vorbei in den Abendhimmel. Nach all dem Umhergereise war es nun bestimmt schon 24 Uhr. Ein Blick auf mein Handgelenk bestätigte dies beinahe. Es war 00:37 Uhr. Ich konnte wirklich gut schätzen. „Ich hatte vor, 2-3 Wochen zu bleiben und Nachforschungen anzustellen. Wenn Sie sagen, es lohnt sich nicht…. Ich muss das alles überdenken.“ Während ich in Richtung des Zimmers schlenderte, auch wenn es Dank der Koffer weniger elegant oder lässig aussah, arbeitete es in meinem Kopf unaufhörlich. Natürlich wollte ich trotzdem versuchen, eines dieser mysteriösen Wesen aufzuspüren. Sie waren es, die dieser Gegend eine gewisse Magie verliehen, ich MUSSTE sie suchen. Dass der Mann von der Rezeption, dessen Namen ich nicht kannte, bereit war, für mich den Fremdenführer zu spielen, fand ich mehr als nett und ich beschloss, ihm zu vertrauen. Er würde mich immerhin dorthin führen, wo die Mitternachtsgeschöpfe sich zu verstecken geziemten.

Der nächste Morgen kam ziemlich schnell, was man der Tatsache zuweisen könnte, dass es schon fast 1 Uhr war, als ich mich schlafen legte. Nicht, dass ich mir einen Wecker gestellt hätte, doch ich wachte schon um 7:30 Uhr auf. Meine innere Uhr war unermüdlich. Dick eingehüllt in einen Morgenmantel sah ich mir das spartanisch eingerichtete Zimmer genauer an. Es gab ein kleines Bett, einen kleinen Tisch, zwei entsprechend kleine Stühle, einen kleinen Nachtschrank und sogar ein kleines Badezimmer, das sich glücklicherweise an meinen Wohnraum anschloss. Trotz des altertümlichen Äußeren hatte ich tatsächlich Strom und zwei eingebaute Lampen, die damit betrieben wurden. Nicht, dass ich große Erwartungen gepflegt hätte. Ich hatte mich ganz bewusst gegen die fünf Sterne anderer Unterkünfte entschieden. Mitten in der Wildnis, in einer Herberge, die in einem kleinen Dorf abgeschieden vom Trubel großer Städte verirrten Wanderern Unterschlupf bot. Was für ein Abenteuer!                                                                                                                                                                 Mein Freund von der Rezeption war nicht wieder da. Stattdessen stand eine kleine Frau mit munterem Gesicht an seinem Platz und war dabei, die wenigen Schlüssel zu sortieren. „Guten Morgen“, sagte ich und sie begrüßte mich ebenfalls. „Oh, Sie müssen der Parapsychologe sein, der später mit Dan zu den Grüften will.“ „Richtig, der bin ich.“ „Er hat mir schon von Ihnen erzählt. Ein netter Kerl sollen Sie sein, doch nicht unbedingt begeistert davon, dass es hier keine Vampire gibt.“ Ich räusperte mich. „Das ist wirklich schade, denn die suche ich. Trotzdem würde ich ihn gern begleiten.“ Was zu dem Zeitpunkt wirklich in meinem Kopf vorging, verriet ich der Frau nicht. Sie sah zwar freundlich aus, doch man konnte nicht vorsichtig genug sein. Mir schoss durch den Kopf, dass ich meine Ziele auch dem Jungen nicht hätte mitteilen dürfen, dafür war es nun aber zu spät. Mein Plan war es also, so unauffällig wie möglich zu tun und mit niemandem weiter darüber zu sprechen. Alteingesessene Familien im Besitz einer ebenso alten Pension in Verbindung mit Vampiren… Dieser Zusammenhang schien mit sehr geheimnisvoll zu sein. Möglicherweise standen sie in Kontakt, wenn sie überhaupt existierten! Da mein anderer Gastgeber bereits Kenntnisse hatte, schließlich war er schon zu meiner Vertrauensperson erhoben worden, wollte ich mögliche anfallende Details klären, sobald wir am Ort des Geschehens waren. „Wo ist er denn gerade?“, fragte ich neugierig. Die Frau sah mich nur verdutzt an. „Wer?“ Der Name fiel mir nicht auf Anhieb wieder ein. „Sie sagten Dan?“ „Ach Dan! Er arbeitet im Moment mit seinem älteren Bruder in der Werkstatt. Soll ich Ihnen den Weg beschreiben?“ Das Angebot nahm ich dankend an.

Die Werkstatt lag nicht weit entfernt, zu Fuß brauchte ich knapp drei Minuten. Als ich vor dem großen Tor stand, das wohl den Eingang darstellte, hörte ich bereits das Klopfen von Werkzeugen. „Hallo?“, rief ich in die Stille hinein. Keine Antwort. Ich probierte es noch einmal. „Ha….!“ „Ach, Sie sind es.“ Dan trat aus einem der hinteren Räume der Werkstatt und ich muss zugeben, dass ich mich ziemlich erschreckte, als dies so plötzlich geschah. „Ja, ich bin’s“, stammelte ich. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Hier ist es sehr ruhig, Leute aus der Stadt sind ziemlich erleichtert wenn sie den Lärm ihrer zu gewohnten Umgebung hinter sich lassen können. Andererseits haben auch einige Probleme damit. Zu viel Ruhe.“ „Ruhig, das stimmt. Sehr ruhig.“ Ob es durch den Wald kam, der das Dorf umgab? „Dan, so heißen Sie, wie mir gesagt wurde, ich wollte Sie noch einmal auf die Grüfte ansprechen. Ihr Angebot steht? Ich würde Sie wirklich unglaublich gern begleiten!“
Wäre mein Leben ein Film, so wäre dies eine der Szenen gewesen, in denen der Zuschauer eine gewisse Leichtigkeit in dem Verhalten des Protagonisten feststellt. Meine Augen mussten geleuchtet haben wie die von Kindern, die am Vorweihnachtsabend zu Bett gehen, um genug Kraft zu tanken, damit sie in Windeseile die Geschenke auspacken können. Dan lachte. „Wenn Sie möchten gehen wir heute Abend. Ich kann Sie um 22 Uhr an ihrem Zimmer abholen.“ Er schien zu merken, dass ich noch eine Frage hatte und beantwortete diese noch bevor ich sie gestellt hatte. „Nehmen Sie am besten etwas Proviant und eine Taschenlampe mit. Und warm anziehen sollten Sie sich auch! Es kann so spät ganz schön zugig sein.“ Wir verabschiedeten uns und federnden Schrittes ging ich zurück in meine Unterkunft. Heute Nacht würde ich dem Ziel meiner Reise ein großes Stück näherkommen! Ich kramte in meinem Koffer nach den Utensilien, die ich eigenhändig mitgebracht hatte, sollte ich auf einen Vampir stoßen. All die Sachen lagen eine Weile still und starr auf meinem Bett: Hammer und Pflock, Zange, Pinzette und Plastikbeutel, Taschenspiegel und Atemmaske, Kamera und Trillerpfeife. Wozu das alles? Ganz einfach! Hammer und Pflock benutzten die Menschen seit jeher, um die Bedrohung durch die berühmten Blutsauger zu vermindern. Es ist wohl überall bekannt, dass ein Pflock im Herzen sie unschädlich macht, falls sie überhaupt etwas Böses im Sinn haben. Dies war somit meine lebensrettende Verteidigungsmaßnahme, sollte ich mich in Gefahr befinden. Die Zange, die Pinzette und die Beutel waren nichts Geringeres als Beweismaterial, beziehungsweise die Behältnisse dafür. Sollte ein Geschöpf sich erbarmen und zulassen, dass ich ein Andenken an diese übernatürliche Begegnung mit mir zurücknahm, so würde ich diese ‚Proben‘ mit meiner Zange und der Pinzette aufsammeln und in die Beutel tun. Ganz so, als wäre ich ein Kommissar. Der Taschenspiegel sollte mir dazu dienen, einen Vampir als einen solchen zu identifizieren. Genauso wie die Sache mit dem Pflock ist auch bekannt, dass man keinen Vampir in einem Spiegel sehen kann. Eine Atemmaske wollte ich mitnehmen, falls ich eine ohnmächtige Person finden würde, die kein Vampir war, vielleicht trotzdem nicht atmete, was man ebenfalls mit dem Spiegel prüfen könnte, und bei der ich dementsprechend Erste Hilfe leisten müsste. Dass ein solcher Fall eintritt, sei hier als unrealistisch bestätigt, aber man kann ja bekanntlich nie wissen. Vielleicht brauchte ich sie auch selbst vor lauter aufgeregter Hyperventilation.
Die letzten beiden Gegenstände waren also die Kamera und die Pfeife. Richtig, eine Kamera ist da, um mit ihr Fotos zu machen. Genau das hatte ich auch vor. Eine Art Erinnerung an eine Begegnung, fast wir die Beweismittel davor. Außerdem produzieren diese Wunder der Technik ein ziemlich grelles Licht. Man kann sie also auch als Gefahreneindämmung betrachten. Die Pfeife war eigentlich nur dazu da, Hilfe zu holen, wenn der Ernstfall eintritt. Ob es in diesem abgelegenen Dorf etwas genützt hätte, ist eher fraglich. Doch eine große Last war sie nicht, also nahm ich sie trotzdem mit. Was mir als letztes einfiel war ein Feuerzeug. Irgendwo in den hintersten Ecken meines Gedächtnisses meldetet sich nämlich eine Information zu Wort, die von der Umständlichkeit des Pfählens zu etwas anderem riet: Man konnte Vampire auch verbrennen, um sich zu wehren. Ich war bereit.

Die Zeit bis zum Abend verstrich schleppend, quälend langsam. Egal, was ich tat, nichts schien die Sekunden, Minuten, Stunden schneller laufen zu lassen. Letztendlich blieb mir nichts anderes übrig, als mein Schicksal zu akzeptieren. Ich wartete. Als Dan am Abend auftauchte, war ich erschöpft wie nach einem ganzen Tag sportlicher Betätigung. Dabei hatte ich genau das Gegenteil getan. Nämlich nichts. Soweit ich mich erinnere, es kann sein, dass ich zwischendurch eingeschlafen war, lag ich den ganzen Tag nur gestresst auf dem Bett und dachte darüber nach, was mich wohl erwarten würde. Der junge Mann musste merken, wie es mir ging, denn er blickte auf einmal besorgt drein und runzelte verwundert die Stirn. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Matt blickte ich zurück. „Mir geht es blendend. Die Zeit ist wirklich hartnäckig. Wenn man sie braucht, verrinnt sie wie Regen im Kantstein einer breiten Straße, wenn man will, dass sie vorbei geht, bleibt sie einfach bei einem wie ein lästiger Fleck an einem Kleidungsstück!“ „Sie haben also den ganzen Tag gewartet?“ „Ausschließlich, ja.“ Nun schien Dan sich ernstlich Gedanken um mich zu machen. „Es ist schon gut“, fügte ich deshalb rasch hinzu, schulterte meine kleine Expeditionstasche und trappelte die Treppe hinunter zur Rezeption. Schweigend folgte er mir. „Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er dann, als wir hinaus ins Freie traten. Die Nacht war kühl. Ich freute mich diebisch, mehrlagig eingepackt zu sein und sogar an Handschuhe gedacht zu haben. „Francis Parson. Aber nennen Sie mich, wie Sie wollen, Dan. Bei mir tun Namen nichts zur Sache.“
Wir setzten uns in einen alten Truck, der dem Aussehen nach zu urteilen schon längst das Zeitliche gesegnet haben sollte. Es knackte bedrohlich, als der Motor mit einem kümmerlichen Fauchen ansprang und kurz darauf polterten wir in die Nacht. Die Wege, die Dan einschlug, waren keineswegs besucherfreundlich. Ich rechnete fast damit, jeden Moment gar keinen Weg mehr vor mir zu haben! Doch das war nicht der Fall. Mein Begleiter musste trotzdem stark gegen die tiefen Fahrspuren anlenken, damit wir heil an unserem Ziel ankommen konnten.

Da war es nun also. Der Ort, an dem die Expedition beginnen sollte. Genau in diesem Moment fühlte ich mich unbesiegbar, ein Entdecker, dem einmal die Welt zu Füßen liegen würde, eine Berühmtheit, die den Weg zu neuen Forschungen ebnen würde, ein Held, der sich in die Höhle des Löwen wagt und mit strahlendem Lächeln wieder daraus hervorkommt. Ich war wie Kolumbus oder Einstein, jemand, der Geschichte schreiben sollte! Doch mein junger Begleiter holte mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. „Okay, Francis, wir sind da. Diese Lichtung wird unser Startpunkt sein. Bis zu den Ruinen ist es nicht weit, wir müssen zu Fuß weiter, weil die Wege nicht befahrbar sind. Sind Sie bereit?“ Meinen Expeditionsbeutel geschultert stand ich in den Startlöchern. Nachdem wir einige unförmige und unglaublich dicke Baumwurzeln passiert hatten, fanden wir  eine Art Trampelpfad, der sich deutlich vom Rest des Gestrüpps abhob, aber trotzdem schon sehr verwildert war. Die Sterne und den Mond konnte man durch die Bäume hindurch nicht mehr erkennen, kein Fleckchen Himmel blitzte zwischen den Blättern hindurch. Doch das störte nicht weiter. „In einer sternenklaren Nacht durchquerten die beiden Helden das Gebiet der Nachtschwärmer, unbeeindruckt von ihrer Gefährlichkeit.“ So würde es in jeder Zeitung stehen. Leise wie eine Maus schlich ich hinter Dan her. Schließlich waren wir, zumindest sah ich es so, auf der Pirsch. Die ersten großen Steine erschienen nach einigen Biegungen, schätzungsweise waren wir gerade eine Viertelstunde unterwegs. Doch ich wusste nicht, dass diese großen Steine eigentlich gar nicht so groß waren. Die, die ich eine halbe Stunde später zu Gesicht bekam, waren enorm!
„Hier sind wir“, kommentierte Dan mein Staunen. Die Steine, die getürmt über uns aufragten, waren sicher um die zwölf Meter hoch. Sie mussten uralt sein, denn sie sahen aus wie die Hünengräber, die man von den Wikingern kennt. Zwei schräg stehende Exemplare kennzeichneten den Eingang. „Wollen wir rein?“ Dan lächelte verschwörerisch als wollte er mir sagen: „Das hat sowieso keinen Sinn.“ Aber ich gab nicht auf. „Natürlich“, meinte ich gleichgültig und schlüpfte in die Dunkelheit. Meine Augen hatten es sehr schwer, die Orientierung wieder aufzunehmen, daher war ich umso erfreuter, als der Rezeptionist eine Lampe aus der Jackentasche zog und damit einen hellen Lichtkegel in das seltsame Bauwerk warf. Genau so etwas hatte ich natürlich nicht mitgenommen, trotz seiner Aufforderung! Drinnen sah es aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Irgendwo hörte man das Plätschern von Wasser, auf dem Boden waren Pfützen und tiefe Kuhlen, die über die Jahre durch die Tropfen entstanden waren. Sonderbarerweise war alles sehr massiv, obwohl draußen doch umgestürzte Steine die Tür gebildet hatten. „Diese Höhle hier ist eine Art Ausbau von damals. Es gab sie vermutlich schon während der Steinzeit, aber nach Jahren haben sich irgendwelche Menschen gedacht, man könnte das Ganze ansehnlicher machen und ein paar riesige Steine davor stellen, damit es aussieht wie von Menschenhand gebaut.“ Schockiert sah ich ihn an. „Und das ist alles?!“ „Ich fürchte ja“, nickte er entschuldigend. „Ich habe sie gewarnt, es gibt keine Vampire. Wir sind in Rumänien, aber das hat nichts zu bedeuten.“  Eigentlich hätte ich mit genau dem hier rechnen müssen. Doch das hatte ich tunlichst vermieden. Mein altes Herz pochte traurig in meiner Brust. So weit war ich gekommen, nur für eine Höhle voller Pfützen. „Wollen wir uns trotzdem umsehen?“, fragte Dan. Ohne viel Interesse wandte ich meinen Kopf in alle Richtungen. Kein Sarg. Nirgendwo. Um genau zu sein war dies ja nicht einmal eine richtige Gruft! Ich hoffte inständig, dass es noch etwas anderes gab. „Vielleicht sollten wir tatsächlich gehen. Das hier ist nichts, was mich brennend interessieren würde…“, gab ich zu. Schulterzuckend schlüpfte er nach draußen und ich wollte ihm folgen, als ich eine kleine Ansammlung von Fledermäusen entdeckte, die starr von der Decke herabhingen. „Dan“, rief ich in das hohle Gewölbe, „wie war das mit den Fledermäusen?“ „Sie sind seltener in dieser Gegend“, drang es von außen an mich heran. „Wieso fragen Sie?“ Also hatte ich einen Glücksgriff gelandet! Die Tiere machten jedoch keine Anstalten, sich zu bewegen. Daher wollte ich eigene Maßnahmen ergreifen. Auch, wenn es nun eher töricht klingt: Damals hatte ich in all meinem Wahnwitz tatsächlich erwartet, sobald sie wach werden würden, würde sich wenigstens eine von ihnen in eine menschliche Gestalt verwandeln, die dann vielleicht im Blutrausch auf mich losgehen würde, aber der Beweis dafür wäre, dass es in Transsilvanien wirklich Vampire gibt! Vorsichtig suchte ich nach einigen losen Steinen. Zwar überlegte ich noch einige Zeit, ob es wirklich ratsam war, das zu tun, was ich vorhatte, doch meine Hände machten sich selbstständig, und während die eine einen Berg von Steinen hielt, begann die andere, mit ihnen zu werfen, und zwar genau auf die Fledermäuse. Geräusche, die für menschliche Ohren nicht hörbar sind, mussten durch die Höhle tönen, und kaum hatte ein Flattermann seine Augen aufgerissen, taten es ihm die anderen gleich. Dan sah entsetzt in mein Gesicht, bevor er mich am Arm packte und nach draußen zog, wo wir ein Stück von der Höhle wegliefen. „Was war denn das?“, keuchte er, und für einen Moment ähnelte er einer der Fledermäuse, denn auch seine Augen waren größer als gewöhnlich. Hinter uns flogen schwarze Schatten aus der Ruine in den Nachthimmel, lautlos und mit flinken Flügelschlägen. „Ich… weiß nicht“, war meine einzige Antwort. „Diese Fledermäuse saugen zwar kein Blut, aber wenn sie sich angegriffen fühlen, muss es nicht unbedingt angenehm bleiben! Ich weiß nicht, was in Sie gefahren ist, aber tun Sie das nie wieder!“ Beschämt, was der Instinkt einem alten Mann wie mir antat, wandte ich meinen Blick ab. „Geht es noch weiter in diese Höhle hinein?“ „Nein, es gibt nur den Raum, den Sie gesehen haben. Wollen Sie jetzt tatsächlich noch zu den Grüften?“ Dan presste genervt die Lippen zusammen. Er war offensichtlich der Meinung, es sei besser, nicht weiterzugehen. „Es tut mir wirklich leid“, begann ich, „es kommt nicht wieder vor.“ Sein Gesicht entspannte sich merklich. „Kommen Sie“, schnaufte er kopfschüttelnd.

Wir gingen zurück, setzten uns in den fahrenden Schrotthaufen und nahmen einen anderen Weg, vorbei an weiteren Bäumen und einer Menge Dunkelheit. Mein Verstand hatte den Mut aufgegeben, mein Herz war kurz davor. Niemals würden meine Träume Wahrheit werden. Während wir wortlos nebeneinander saßen, drang auch von außen kaum ein Laut an uns heran. Unsere Reise endete vor einem Hügel, der ebenfalls nicht mit dem Auto befahren werden konnte, und auf dessen Spitze eine Burg thronte. „Das ist die Gruft?“ „Das ist die Burg, in der die Gruft liegt.“ Er zwinkerte. „Sie haben doch keine Angst, oder?“ Widerwillig bemerkte mein Kopf, dass der Mund ein empörtes „Nein“ formte, während die Knie ein wenig zu zittern begannen. Ob vor Aufregung oder tatsächlich Angst, kann ich nun nicht mehr sagen, doch fest stand: Wenn es an einem Ort in dieser Welt tatsächlich Vampire geben sollte, so würde ich hier fündig werden. Die alten Gemäuer schrien mir regelrecht entgegen, dass sie von mir, Francis Parson, inspiziert werden wollten! Erneute Motivation ergriff von mir Besitz und auch Dan schien wieder gelassener zu sein. Belustigt beobachtete er meinen sprühenden Tatendrang. „Wir können jetzt aussteigen, wenn Sie wollen.“ Lächelnd öffneten wir unsere Türen und traten in die Nacht. Eine alte Steintreppe, stabiler als sie aussah, führte uns bis nach oben, wo wir schließlich durch eine alte Tür von riesigem Ausmaß ins Innere der Burg traten. Staub wirbelte auf. „Wie in einem Film“, schoss es mir durch den Kopf. Breite Stufen erhoben sich vor uns, ich konnte von meinem Standpunkt aus zehn steinerne Bögen sehen, die in andere Räume führten. „Wo müssen wir hin?“, wollte ich wissen. Dan wies mir den Weg zu einem Zimmer im Erdgeschoss, das in den Keller hinunterführte. Es roch ziemlich muffig darin, also bemühte ich mich, so wenig und so flach wie möglich zu atmen. „Sie müssen nicht nach unten, wenn sie nicht wollen“, kommentierte Dan das, was ich tat. Denn ich blieb stehen. „Das ist es nicht“, konterte ich, „aber diese Luft…“ „Haben Sie etwa erwartet, hier würde man regelmäßig lüften?“ Ironisch lächelnd verkniff ich mir eine boshafte Antwort.
Wir stiegen die steilen Stufen hinab, Dans Lampe leuchtete mir den Weg. Unten angekomme,n fanden wir uns in einem eher niedrigen Gang wieder. Ich war mir sicher, hätten wir nicht die Lampe gehabt, hätten wir nicht das Geringste gesehen. „Hier gibt es keine Fenster“, fasste mein junger Begleiter meine Beobachtung in Worte. „Wir sollten uns also nicht allzu lange hier aufhalten. Ich weiß nicht, wann die Taschenlampe ihren Geist aufgibt und es wäre ungünstig, dann noch hier unten zu sein. Außer natürlich, Sie können im Dunkeln sehen.“ Wir gingen weiter, wir suchten uns einen Weg durch all die Schlupflöcher, die wir hier unten fanden. Bald wurde es sogar sehr anstrengend, denn es war ungewöhnlich warm dort und kein einziger Luftzug streifte an uns vorbei. Als wir eine verzierte, steinerne Tür erreichten, schlug mir das Herz bis zum Hals. „Das ist der Eingang?“, keuchte ich. „Ja.“ Kräftig stemmte Dan sich gegen das Portal und schob es langsam auf. Ich war der Erste, der eintrat. Acht Särge standen aufgereiht vor mir, vor jedem von ihnen ragte eine kleine Steintafel aus dem Boden. Mein Inneres schlug unzählige Purzelbäume. Nun war es so weit, es musste einfach der Moment gekommen sein, an dem ich das fand, was ich suchte! Aufgeregt las ich die Informationen über die Person, der der erste Sarg gehörte, eine junge Frau namens Amalia, die bei der Geburt ihres sechsten Kindes gestorben war. Sie war anscheinend die Frau des Schlossherren gewesen. „Was bedeutet: ‚Hier ruhte einmal?‘“, zitierte ich die Worte auf dem Stein und sah Dan unsicher an. „Dieses Schloss hier und seine Gruft sind trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer Abgeschiedenheit ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen. Die Räume sind so, wie sie auch damals waren, manche Einrichtungsstücke sind sogar Originale. Allerdings hatte man Angst, dass den früheren Besitzern etwas zustoßen könnte, als das Gebäude für Interessenten geöffnet wurde. Deshalb brachte man sie von hier fort.“ „Soll das bedeuten…“ „Die Särge sind leer.“ Um es zu beweisen, schob er Amalias Sargdeckel zur Seite und präsentierte mir eine leere Schwärze, die mich entmutigt zusammensinken ließ. Die Purzelbäume verwandelten sich in ein schmerzhaftes Zusammenziehen sämtlicher Muskeln, die sich in meinem Körper befanden. „Deshalb bin ich hier? Um eine leere Gruft zu untersuchen?“ Niedergeschlagen setzte ich mich auf den Sarg von Amalias Nachbarn und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich wollte Ihnen hiermit helfen“, erklärte Dan tröstend. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Wissen Sie, viele Leute suchen hier nach diesen Dingen. Sie wollen etwas Mysteriöses sehen, nicht nur in Filmen Abenteuer erleben, sondern auch in Wirklichkeit. In ihrer Vorstellung muss so etwas einfach existieren. Sie alle kommen in unsere Pension und gehen nach einiger Zeit wieder, ohne etwas erreicht zu haben, und während dieser Zeit werden sie immer unfreundlicher, mürrischer. Irgendwann grüßen sie nicht einmal mehr, sondern rennen nur wie besessen nach draußen, um irgendwann erbost und verbittert wiederzukommen. Sie meinen es nicht böse, aber sie sind nun einmal erfolglos. Viele Menschen haben Probleme damit.“ „Sie wollten mir das ersparen, richtig?“ „Sie sind ein netter Mann, Mr. Parson. Und von Anfang an machten Sie einen freundlichen und intelligenten Eindruck. Ich habe Leute gesehen, die schon als sie ankamen diesen verrückten Ausdruck in ihren Augen hatten und ihn noch verstärkten, während sie gewissen Wesen hinterherliefen. Bei denen habe ich es gelegentlich versucht, aber die wenigsten wollten mir zuhören.“
Meine Betroffenheit wich einer aufkommenden Dankbarkeit, die immer mehr Platz einnahm. Dennoch blieb mein Kopf gesenkt. Dan schob Amalias Deckel zurück auf seinen Platz und setzte sich darauf. „Mr. Parson, es gibt so vieles, was Sie entdecken können. Warum müssen es unbedingt unmögliche Dinge sein, die Sie suchen?“ „Ein Kindheitstraum, schätze ich.“ Als ich aufstand, um mich zu strecken, schimmerte ein Ausdruck auf meinem Gesicht, den Dan zu Recht als fröhliche Gleichgültigkeit erkannte. „Sie haben Recht, mein Junge. Es hat keinen Zweck, sich von der Erkenntnis, die ich gerade machen musste, entmutigen zu lassen. Gehen wir zurück.“

Gerade, als ich den ersten Schritt wagen wollte, meinte ich in dem Gang, den wir gekommen waren, Geräusche zu hören. „Was ist, Francis?“ „Haben Sie das nicht gehört?“ Je länger ich lauschte, desto sicherer wurde ich mir: Ich hörte Schritte. Ohne weiter nachzudenken stürmte ich los, Erkenntnis hin oder her, meine Träume trieben mich vorwärts. Hinter mir verklangen Dans verwirrte Rufe, als ich ziellos und im Dunkeln der unsichtbaren Quelle der Geräusche folgte. Irgendwie gelangte ich zum Eingangsraum mit den steinernen Bögen und der großen Treppe. Im oberen Geschoss klapperte eine Tür. Irgendetwas wollte sich vor mir verstecken! Doch dieses Spiel konnte man nur gewinnen, wenn man nicht gegen Francis Parson antrat! Mein Kopf konnte meinen fliegenden Schritten kaum folgen, so schnell stand ich oberhalb der Treppe. Die Tür war schnell geortet und ohne Umschweife stand ich auf der anderen Seite. Vor mir erstreckte sich ein langer Saal, der anscheinend einmal als Speisezimmer gedient hatte. Kleine verglaste Tafeln hingen an den Wänden, alle mit Informationen beschrieben, die Details über die alten Besitzer verrieten. Das wohl beeindruckendste war ein altes Familienportrait. Lange Zeit war ich gefesselt von den Augenpaaren, die mich unentwegt ansahen. Die Frau war schätzungsweise meine Bekannte Amalia, der Mann musste ihr Gatte sein und umringt waren die beiden von 5 Kindern im vermeintlichen Alter von 2-14. Diese Art von Gemälden hatte mich schon immer fasziniert. Als Kind überkam mich immer eine Art Ehrfurcht, vermischt mit ein wenig Angst, die Ruhe der Abgebildeten auf eine seltsame Art und Weise zu stören, später fand ich sie einfach nur schön und in diesem Moment konnte ich mich kaum rühren. Ein Rascheln von draußen machte die Wirklichkeit wieder für mich erkennbar. Mein Herz blieb beinahe stehen, als ich eine geöffnete Balkontür sah. Sie befand sich direkt gegenüber von mir und ich konnte mich nicht erinnern, sie vorher bemerkt zu haben. Ein dunkles Stück Stoff wehte am äußeren Geländer hinauf und in meinem Wahn stürzte ich mich darauf, ohne auf äußere Umstände zu achten. Das einzige, was ich als Erklärung der nächsten Minuten geben kann, ist Folgendes: Der Fall war ein ungewöhnlich langer.

Das nächste, was ich spürte, war kalter Boden. Meine linke Seite schmerzte höllisch und ich traute mich nicht, mir meinen Körper genauer anzusehen. Genaugenommen wäre dies auch ein Kunststück gewesen. Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Meine Hand schloss sich um das, was ich vor meinem Fall gefangen hatte. Was es war, würde erstmal ein Rätsel bleiben. Dann sank ich wieder in meine Ohnmacht zurück.
Ab und zu schafften meine Augen es, sich für kurze Momente zu öffnen und mir Bilder von außen zu übermitteln, doch richtig wach wurde ich nicht. Ein einziges Erweckungserlebnis gab es jedoch. Silbriges Leuchten erhellte alles um mich herum. Ich dachte erst, es sei Einbildung, doch als ich mich davon überzeugen wollte und zwischen den Lidern hindurchblinzelte, erkannte ich schemenhafte Umrisse, an deren oberen Ende der Ursprung des Lichtes zu sein schien. Mit etwas mehr Kraft öffnete ich die Augen fast vollständig und was ich sah war so schön, dass ich es kaum richtig in Worte fassen kann. Über mir stand ein schneeweißer Hirsch. Seine dunklen Augen beobachteten mich und dabei strahlten sie eine Ruhe aus, die sanft auf mich überging. Das, was vorher schmerzte, wurde leichter und mein umnachteter Geist gewann an Klarheit. Das silbrige Leuchten, das ich selbst mit geschlossenen Augen wahrgenommen hatte, ging von dem Geweih aus. Es schien, als würde es das Mondlicht fangen und dadurch fast glühen. Gern hätte ich mit dem schönen Tier gesprochen. Es war so edel, vor allem aber alles andere als scheu. Meiner Meinung nach haben Tiere besondere Gaben. Sie merken, wenn es uns Menschen schlecht geht. Einige, wie zum Beispiel Hyänen und Geier, freuen sich sicher darüber. Ein hilfloser Mensch in ihrem Jagdrevier, dem es dazu noch schlecht geht, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen. Doch ich glaube auch, dass einige sich dazu berufen fühlen, zu helfen. Wie wir selbst handeln sie in manchen Situationen intuitiv. Katzen zum Beispiel sollen ja den Tod voraussehen können und beweisen es, indem sie sich kurz vor dem Todeszeitpunkt an den Sterbenden kuscheln. Nun, wissenschaftlich gesehen sondert der menschliche Körper kurz vor dem Tod mehr Wärme ab, die die Katzen genießen. Aber warum sollten Tiere nicht auch so empathisch sein und uns in diesen Momenten beistehen wollen? Auch, wenn man gerade Rehen und Hirschen ein solches Verhalten nicht zutraut, sah ich mich in einem schmerzlichen Moment einem Freund gegenüber. Nicht, dass ich dabei war, zu sterben. Doch es ging mir nicht sonderlich gut. Ich bin mir sicher, der Hirsch kam, um mich zu trösten. Noch einige Zeit sah ich ihn still an. Er beugte sich zu mir und fuhr mit seiner weichen Nase über mein angespanntes Gesicht. Es war wie eine heilende Therapie. Ich sank zurück in die Schwärze meines Kopfes und erneut umhüllte mich der Nebel des unfreiwilligen Schlafes. Ferne Hufschläge verhallten zwischen den Bäumen. Ich kann nicht sagen, was in der nächsten Zeit passierte. Das nächste Ereignis war jedoch einschneidend, weshalb ich mich umso besser erinnere. Dan stand über mir und schüttete mir Unmengen von Wasser ins Gesicht. „Sind Sie total bekloppt?!“, schrie er mich an und sein böser Blick schickte die Röte des Beschämtseins in mein Gesicht. Nach wie vor konnte ich mich kaum bewegen. „Jetzt sagen Sie endlich was!“ Das Gemurmel, das als Antwort aus meinem Mund drang, reichte Dan anscheinend, denn er stand wieder auf und fuhr sich einige Male nervös durch das Haar. „Sie sind eine Gefahr für sich selbst, wissen Sie das? Was soll denn das? In einem Moment scheinen Sie begriffen zu haben und dann drehen Sie durch! Wenn ich im Alter so bin, lasse ich mich anketten!“ Seine grünen Augen durchbohrten mich, doch sie verloren an Strenge, als sie den Wandel in meinem Gesicht verfolgten. „Was ist?“ In mir breitete sich die wohlige Wärme des Glücks aus. Ich hatte keine Vampire gefunden, hinzufügen konnte ich zudem, dass ich nie welche finden würde. Das, was in meiner Hand war, war der Stofffetzen einer Fahne. Das Burgwappen. Eines von ihnen war über die Balkonbrüstung geweht und ich hatte es mit mir gerissen, als ich es wahrscheinlich für den Umhang eines Blutsaugers hielt. Genau konnte ich nicht sagen, warum und wieso alles passiert war. Abgesehen davon, dass ich die Worte nicht fand, konnte ich den Mund einfach nicht bewegen. Doch was mich so glücklich machte, war der wunderschöne Hirsch, ein wahres Wunder der Natur, kein Fabelwesen, kein irrer Traum, sondern pure Realität, die ich so traumhaft noch nie gesehen hatte. „Können Sie aufstehen, Francis?“ Gemeinsam konnten Dan und ich mich zum Auto schleppen und den Rückweg antreten. In der Pension wurde ich fachgerecht verarztet und ruhig in mein Bett gelegt. „Und tun Sie mir einen Gefallen“, waren Dans letzte Worte in dieser Nacht, „bitte, bleiben Sie liegen.“

Den nächsten Morgen begrüßte ich mit einem Lächeln. Bewegungen fielen mir nicht so einfach wie vor dem Sturz, doch dass ich sie überhaupt zustande brachte, war ein gutes Gefühl. Ich entschuldigte mich bei Dan, der mir von seiner verzweifelten Suche nach mir erzählte, und ich berichtet ihm, was ich hier niedergeschrieben habe. „Sie sind schon ein seltsamer Mann, Francis Parson“, lachte er. All der Stress ließ sein Gesicht auch nach einer Nacht voll Schlaf müde aussehen. „Was werden Sie jetzt tun?“ „Mein eigentliches Expeditionsziel ist nicht mehr vorhanden“, begann ich, „doch ich glaube, ich habe etwas anderes gefunden…“
Drei Wochen Zeit, eine davon in ärztlicher Behandlung und zwei verbleibende für erholsame Erforschungen. Ein neues Accessoire begleitete mich seit jener Nacht, ein Gehstock nach Dr.House-Manier, etwas, das mich nicht einmal störte, da ich meinte, damit edler auszusehen. Wie ein alter Lord. Auch meine Erforschungen hatten sich gewandelt. Grüfte und Höhlen waren abgeschlossen. Die Zeit des Waldes begann. Zwei Wochen lang suchte ich meinen schimmernden Freund, der mich in meinem Leid besucht hatte. Nirgendwo war ein Zeichen von ihm geblieben. Nicht ein Reh oder einen Hirsch bekam ich zu Gesicht. Das Leid der Menschen hat viele Dimensionen. Meines jedoch hatte mir einen Freund beschert, an den ich mich für immer erinnern würde. All meine Mythen und Legenden wurden zu den Akten gelegt. 65 Jahre voll von diesen Dingen waren genug. Die Parapsychologie wurde zu Tierschutz. Ja, ich engagierte mich in meiner Heimat mehr als ansässige Tierschutzvereine es gewöhnt waren und erschien sogar in Zeitungen als außergewöhnlicher Unterstützer und Naturfreund. Und das war ich auch, das hatte meine Bekanntschaft aus mir gemacht.

Mit Dan bin ich noch immer in Kontakt und heute können wir herzlich über alles lachen. Meine Hysterie, seinen Ärger, sogar den Sturz. Denn das, was es mir gebracht hat, ist ohne es selbst erlebt zu haben, kaum nachzuvollziehen.
Manchmal träume ich von dem Hirsch, seinem silbrig schimmernden Geweih, dem weißen Fell und der weichen Nase. Ich spüre das Gefühl, das er damals in mir auslöste und in mir erwacht das Vertrauen, das ich dem Tier in den unangenehmen Momenten entgegenbrachte. Er hätte mich nicht retten können, zudem war es unrealistisch, zu erwarten, dass er überhaupt einen Versuch gewagt hätte, wäre ich ernstlich verletzt gewesen. Da ich ihn nicht wiederfinden konnte, steht noch immer im Raum, ob ich nicht doch geträumt hatte in dieser Nacht und das majestätische Wesen nur Einbildung war. Doch ich bin mir sicher, dass dies nicht der Fall ist. In meinen Augen gibt es einen Herrn des Waldes. In einer schweren Stunde hatte er mich aufgespürt und war zu mir gekommen, um mich an seiner Magie teilhaben zu lassen.

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